Berlin : Koalition in Berlin: Thilo Sarrazin: Ein Vordenker, aber auch ein Querkopf

Ulrich Zawatka-Gerlach

Ein Rauswurf hat ihn bekannt gemacht. Nach 16 Monaten als Vorstandsmitglied der Deutschen Bahn Netz AG, zuständig für das Investitionsmanagement, verließ Thilo Sarrazin das Unternehmen. Angeblich im Einvernehmen mit Bahn-Chef Hartmut Mehdorn, tatsächlich ging er im Streit. Im Nachhinein warf ihm Mehdorn Illoyalität und bösartiges Verhalten vor. In der Sache ging es darum, dass Sarrazin intern frühzeitig nachgewiesen hatte, dass die Bahn nicht in der Lage war, staatliche Mittel in Milliardenhöhe fristgerecht zu verbauen. Den zuständigen Bundesminister Kurt Bodewig (SPD) soll er, an Mehdorn vorbei, darüber informiert haben.

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Kurzporträt: Der neue Senat Ein Vorgang, für den sich in erster Linie Fachjournalisten begeistern konnten. Jetzt wird er wieder hervorgeholt, weil Sarrazin neuer Finanzsenator in Berlin werden soll. Heute wird der 56-jährige promovierte Wirtschaftswissenschaftler von der rot-roten Mehrheit im Abgeordnetenhaus gewählt. Voraussichtlich. Und der Ruf, der ihm vorauseilt, ist eindeutig. "Ein sehr bestimmter, entschiedener und entschlossener Mann", sagt der ehemalige Bundeswirtschaftsminister Günter Rexrodt (FDP). "Ein harter Knochen, nicht unbedingt ein Charmebolzen", fügt er hinzu. "Trickreich im Verschleiern von Defiziten und Problemen", schimpfen die Grünen. Sein Verhältnis zu Bundesfinanzminister Hans Eichel (SPD) sei ausgesprochen schlecht.

Sarrazin habe sich im Bundesfinanzministerium Feinde fürs Leben geschaffen, bestätigt ein kenntnisreicher Berliner CDU-Politiker. Er sei konzeptionell gut, aber im persönlichen Umgang schwierig. "Mit dem Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit wird er nicht auskommen, der neue Finanzsenator wird schon bald scheitern". Soweit die Einordnung von politischer Seite. Aber auch andere, die den gebürtigen Thüringer (aus Gera) kennen, schildern ihn als sperrigen, insistierenden, wenn auch geradlinigen Mann. Sarrazins Sozialverträglichkeit sei begrenzt und er habe die Tendenz, Leute zu verschleißen.

Für das Amt des Finanzsenators in einer Stadt, die eine haushaltspolitische und verwaltungsreformerische Radikalkur benötigt, disqualifizieren ihn die genannten Charaktereigenschaften nicht. Es stellt sich nur die Frage, ob und wie lange der neue Senat ein solches Regierungsmitglied verkraftet. Wer hat ihn entdeckt? Darüber gibt es keine eindeutige Auskunft. Möglicherweise Peter Strieder, der als Stadtentwicklungssenator politische Berührungsflächen zur Bahn AG hat. Regierungschef Wowereit, so wird glaubwürdig versichert, habe Sarrazin nicht als "Notnagel" geholt. Seit Tagen sei er mit ihm im Gespräch gewesen, parallel sei mit mehreren Bewerbern verhandelt worden.

Wie auch immer: Rot-Rot hat einen Finanzsenator mit scharfen Ecken und Kanten engagiert. Ein Fachmann hohen Grades, darin sind sich wiederum alle einig. Seine Karriere begann im Bundesarbeitsministerium. Dann wurde Sarrazin Büroleiter von Finanzminister Theo Waigel (CSU). In den Wendejahren 1989/90 bereitete er - als Referatsleiter für nationale Währungsfragen - federführend die deutsch-deutsche Währungsunion vor. Von ihm stammen die wesentlichen konzeptionellen Vorarbeiten. Die schnelle Umstellung von DDR- auf D-Mark an einem Stichtag soll seine Erfindung sein. 1991 wurde Sarrazin Finanz-Staatssekretär in Rheinland-Pfalz. 1997 erfolgte der nächste Karrieresprung - als Geschäftsführer der Treuhand-Liegenschaftsgesellschaft. Im Februar 2000 musste Sarrazin gehen, weil er sich mit Finanzminister Eichel nicht über die Verkaufsstrategie des bundeseigenen Unternehmens einigen konnte.

Nebenbei hat er ein dickes Buch über die neue Währung geschrieben. "Euro, Chance oder Abenteuer?" Darin gibt sich der Autor als Kenner des Weltwährungssystems und der wichtigsten ökonomischen Streitfragen zwischen den EU-Ländern zu erkennen. Ein Querdenker, aber auch ein Vordenker. Kein klassischer Parteipolitiker, auch wenn Sarrazin ein SPD-Parteibuch besitzt, im Managerkreis der Friedrich-Ebert-Stiftung aktiv ist und im Vorstand der sozialdemokratisch dominierten "Berliner Wirtschaftsgespräche" e.V. sitzt. Für die Stiftung schrieb er interessante, kritische Thesenpapiere. Nicht nur über die Zukunft der Region Berlin-Brandenburg, sondern auch über Ansatzpunkte für eine europäische Arbeitsmarkt- und Beschäftigungspolitik. Für Hochschulen und Akademien ist Sarrazin ein begehrter Referent.

Nun ja, unfehlbar ist keiner. Auch nicht der neue Finanzsenator. Im März 1996 soll er, damals Finanz-Staatssekretär in Rheinland-Pfalz, den Leiter des Staatsbauamtes Idar-Oberstein angewiesen haben, trotz zahlreicher Mängel die Bauabnahme der Landespolizeischule sofort zu vollziehen. Dagegen regte sich behördenintern, anschließend auch öffentlich, Widerstand. Sarrazin setzte sich am Ende durch, schloss mit dem zuständigen Bauunternehmen einen Vergleich. Im Ergebnis musste das Land die Kosten der Baumängel tragen: 2,4 Millionen Mark. Die CDU-Landtagsfraktion machte damals gegen Sarrazin mobil. In Berlin werden ihm zusätzlich die Grünen und die FDP auf die Finger schauen. Und die eigene Partei natürlich. Nicht zu vergessen die PDS.

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