Berlin : Köhler: Sophie-Scholl-Film zur richtigen Zeit

Auf Wunsch des Bundespräsidenten Horst Köhler fand heute ein Treffen zwischen ihm und Schülern des Sophie-Scholl-Gymnasiums in Berlin statt. Gemeinsam schauten sie sich den Film "Sophie Scholl - die letzten Tage" an. Anschließend rief Köhler die jungen Menschen auf, sich zu engagieren und zu diskutieren.

Berlin (02.03.2005, 16:23 Uhr) - Horst Köhler wirkte nach dem 110-Minuten-Film zunächst nahezu fassungslos. Als ob er selbst die direkt-persönliche Dimension des gerade Gesehenen noch nicht richtig einordnen könne. «Ich bin am 22. Februar 1943 geboren worden, am Tag der Hinrichtung von Sophie...» Der Satz des Bundespräsidenten fällt in eine Totenstille. Einige der Schüler raunen staunend. Gerade noch war die Schlussszene mit Sophie Scholls Kopf unter dem Fallbeil auf der Leinwand. So weit entfernt und doch so nahe ist auch an diesem Tag wieder deutsche Geschichte zu spüren.

Es war der ausdrückliche Wunsch des Bundespräsidenten gewesen, den viel diskutierten und hoch gelobten Film «Sophie Scholl - die letzten Tage» zusammen mit jungen Menschen zu sehen. So waren Schüler des Sophie-Scholl-Gymnasiums von Berlin-Schöneberg an diesem Mittwoch vom Bundespräsidialamt in ein Kino am Potsdamer Platz eingeladen worden, um zusammen mit Köhler den Film über die letzten Stunden der Widerstandskämpferin und Mitbegründerin der «Weißen Rose» in München zu sehen.

Die Klassenräume der Gymnasiasten liegen nur einen Steinwurf entfernt vom Berliner Kammergericht, wo der damalige Blutrichter Roland Freisler Unrecht sprach. Er verurteilte in München die Geschwister Scholl zum Tode. Köhler reagierte auf den Film zunächst wie vermutlich viele Zuschauer des bei der Berlinale prämierten Streifens: «Heute bin ich richtig aufgewacht ... .» Er habe zwar von der «Weißen Rose» gewusst. Doch «die fast übermenschlichen Kräfte» von Sophie Scholl, die noch im Verhör und vor Gericht für Freiheit, Gewissen und ihren Glauben fast heldenhaft eingetreten war, überstiegen auch für ihn das Fassbare.

Köhler arbeitet in diesen Wochen intensiv an seiner Rede zum 60. Jahrestag des Kriegsendes am 8. Mai vor dem Bundestag. Viele seiner Gespräche und Begegnungen - so auch diese Filmvorführung - sind für ihn «Stoffsammlung» für diese Rede, mit der er Zeichen zum Selbstverständnis der deutschen Geschichte setzen will. Den wieder aufgeflammten Rechtsextremismus in Deutschland nimmt Köhler sehr ernst. Er will das Thema aber nicht auf die Frage: NPD-Verbot ja oder nein reduzieren.

Die Botschaft, die Köhler an diesem Wintertag den jungen Menschen mit auf den Weg gibt, ist einfach und klar: «Jeder für sich muss dafür sorgen, dass dies nie wieder passiert ... Interessieren Sie sich! Fragen Sie nach! ... Wir sollten noch viel mehr diskutieren in Schulen und Vereinen, was die (Geschwister Scholl in ihren Flugblättern) geschrieben haben.» Auf jeden Fall steht für Köhler aber auch fest: Die Botschaft des Grundgesetzes verpflichte die Deutschen, weltweit für Menschenrechte einzutreten.

Köhlers Resümee an diesem Tag: «Ein Film zur richtigen Zeit.» Und die Berliner Schüler fanden das auch. Sie luden den Bundespräsidenten zu einem «Antikriegsmusical» in ihre Schule ein. «Wir werden einen Platz für Sie in der ersten Reihe frei halten.»

(Von Frank Rafalski, dpa) ()

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