Berlin : Königliche Stille

Das weiße Gold der Porzellanmanufaktur wartet auf Käufer. Doch bei KPM will niemand von Krise reden. Es heißt, alles soll besser werden

Thomas Loy

KaDeWe, Sommerschlussverkauf – das Motto: Ruinieren Sie uns. Die masochistische Schnäppchenorgie hat selbst das Königlich-Preußische Porzellan in der vierten Etage erfasst. Der KPM-Teller mit dem Roten Rathaus auf der Vorderseite: von 50 auf 25 Euro runter, also minus 50 Prozent.

Die Suppenterrine ist sogar von 366 Euro auf 99 abgestürzt, ein Minus von 70 Prozent. Das ist wahrhaft ruinös. Nur bemerkt es niemand. Von Käufern ist nichts zu sehen. Interessiert sich niemand mehr für das weiße Gold aus Berlin? Muss KPM-Ware jetzt schon verramscht werden? Diesem Eindruck möchte die freundliche Porzellan-Verkäuferin gerne entgegentreten. Mit Sommerschlussverkauf habe das hier nichts zu tun. Zu sehen seien nur die Reste des großen Sonderpostens, der vom Hersteller im Juni für den vergünstigten Verkauf geliefert wurde. Die Terrine habe zudem einen kleinen Fehler, weil der Deckel nicht genau passt.

KPM in der Krise – ja, davon habe sie natürlich gehört. „Aber welche Manufaktur ist nicht in der Krise?“ Das habe alles mit der schlechten Konjunktur zu tun, die sich sicher bald wieder bessern werde. Und was sagen die Leute bei KPM an der Englischen Straße in Tiergarten dazu? Erstmal gar nichts. Die meisten sind im Urlaub. „Betriebsferien“, erklärt Katrin Sperling vom Bereich Marketing. Die offizielle Fehleranalyse lautet etwa so: Langjähriges Wechseln der Geschäftsführung – die Chefs kamen und gingen. So war es schwer, ein klares Konzept zu verwirklichen. Defizite gibt es vor allem im Marketingbereich.

Frau Sperling macht nur Andeutungen. „Wir haben sehr langsam angefangen, uns nach außen zu öffnen.“ Während die Konkurrenz in Meissen Porzellanmalkurse anbietet, Tage der offenen Türen veranstaltet, einen Förderklub unterhält, spielt sich in Berlin vieles hinter verschlossenen Türen ab. Die wöchentlichen Führungen wurden wegen der Bauarbeiten auf dem Gelände für unbestimmte Zeit ausgesetzt. „Die KPM hat Pfunde, mit denen sie wuchern kann“, sagt Frau Sperling. Nur tut die Manufaktur das eben noch nicht so richtig. Auch auf den Auslandsmärkten gebe es noch „schlummernde Potenziale“. Doch alles soll besser werden. „Am 19. September wollen wir mit unserer Jubiläumsfeier zum 240. Geburtstag auch ein Zeichen nach außen setzen.“ Dann werde man so richtig neu durchstarten.

Für den Berlin-Touristen ist die berühmte KPM derzeit nur als Baustelle zu bestaunen. Im sanierten Innenhof werden neue Präsentationsräume errichtet. Auf der Freitreppe zu einem flachen Backsteinbau stehen schon großvolumige Vitrinen – nur eben leer.

Die Verkaufsausstellung hat im Berlin-Pavillon am S-Bahnhof Tiergarten Unterschlupf gefunden. Drinnen wird das königliche Schweigen nur selten von profanem Geflüster unterbrochen. Das Personal hält sich zahlenmäßig ungefähr die Waage mit den vier, fünf Besuchern.

Etwas versteckt hinter einem Regal wird die „Zweite Wahl“ angeboten. Das sind schneeweiße Teller und Tassen, beklebt mit schlichten roten Preisetiketten. Die Zweite Wahl werde gern genommen, sagt die junge Verkäuferin, die hier ihre einsame Wache schiebt. 20 Prozent Preisnachlass sei für viele Kunden ein starkes Argument. Bei Sonderaktionen würde dieser Preisnachlass nochmal reduziert. Nur warum kommt keiner und kauft?

Die junge Frau lächelt etwas verschämt. „Das ist wohl das Sommerloch. Damit haben aber alle zu kämpfen.“ Und was ist mit der KPM-Krise? „Das stimmt so nicht.“

Sie seien angewiesen, den Kunden das so zu erklären: Stimmt einfach nicht. Die Berichte seien übertrieben. Sorgen zu machen brauche sich niemand: Für die meisten Produkte gebe es eine Nachkauf-Garantie.

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