Berlin : Königliches Obdach gesucht

Im Lapidarium in Kreuzberg stehen die Statuen der einstigen „Puppenallee“. Bald ziehen sie um – vielleicht zurück in den Tiergarten

Christoph Stollowsky

Der Alte Fritz kann sich sehen lassen. In Stein gehauen macht der zu Lebzeiten eher klein geratene preußische Monarch Friedrich II. eine passable Figur. 2,75 Meter misst er vom Scheitel bis zur Sohle und ist damit genauso groß wie sein Gegenüber, Fürst Markgraf Waldemar von Brandenburg. Dem Askanier fehlt die Nasenspitze, aber mit dieser Blessur hat er die vergangenen Jahrzehnte noch ganz gut überstanden. Kurfürst Joachim II. stützt sich kopflos aufs Schwert, und dem Recken Markgraf Otto I. ist ein Bein abgefallen. Vereint mit 23 weiteren Marmorfiguren einstiger märkischer Herrscher stehen sie im Landesdepot für steinerne Denkmäler, dem „Lapidarium“ – ein früheres Pumpwerk der Wasserbetriebe am Halleschen Ufer des Landwehrkanals in Kreuzberg. Doch Friedrich II. & Co. müssen bald ausziehen. Das Lapidarium soll im Herbst verkauft werden.

Die geschichtsträchtigen Statuen wurden einst für die sogenannte „Siegesallee“ im Tiergarten in Stein gehauen. Zur „Erinnerung an die ruhmreiche Vergangenheit des Vaterlandes“ und als „Ehrenschmuck für die Hauptstadt“ hatte Kaiser Wilhelm II. den von Figuren gesäumten Boulevard 1895 in Auftrag gegeben. Sechs Jahre später weihte er die 750 Meter lange Siegesallee ein. Sie verlief zwischen dem Kemperplatz am heutigen Kulturforum und dem damaligen Königsplatz – heute Platz der Republik am Reichstag. 27 Bildhauer schufen zuvor unter der Leitung von Reinhold Begas 32 Marmorstandbilder sämtlicher Markgrafen, Kurfürsten und Könige Brandenburgs und Preußens zwischen 1165 und 1888 – eine steinerne Ahnengalerie von den Askaniern bis zu den Hohenzollern. Und alle mussten gleich hoch sein, exakt 2,75 Meter. Nur bei der Leibesfülle gibt es Unterschiede.

Den Hauptfiguren stellte man jeweils zwei Büsten von Personen zur Seite, die zur Zeit des Herrschers eine wichtige Rolle spielten. Friedrich dem Großen gesellte man den Komponisten Johann Sebastian Bach bei, Friedrich Wilhelm IV. den Naturforscher Alexander von Humboldt. Bei alledem ließen die Bildhauer ihrer Fantasie gerne freien Lauf, denn besonders von den frühen Fürsten fehlten Abbilder. Oder sie engagierten Modelle, oft populäre Zeitgenossen. Steinkünstler August Kraus porträtierte Heinrich Zille für die Büste des Prignitzer Ritters Wedigo von Plotho und setzte dem Milljöh-Zeichner einen Helm auf. Zilles kettenhemdbewehrter Rumpf steht im Lapidarium, der Kopf ist abhanden gekommen.

Im Volksmund hieß der Hohenzollern-Boulevard bald „Puppenallee“, die Berliner spazierten gerne dorthin, „wir gehen bis in die Puppen“, hieß es. Doch viele Kunstkritiker sahen in dem umstrittenen Gesamtkunstwerk ein propagandistisches Panoptikum – und die Geschichte meinte es nicht gut mit dem kaiserlichen Ehrengeschenk. In der NS-Zeit versetzte man die Figuren 1938 an die Große Sternallee im Tiergarten, weil sie den Planungen zur Welthauptstadt „Germania“ im Wege standen. Später erlitten mehrere Statuen Kriegsschäden. Dann musste die marmorne Fürstenfamilie in den ersten Nachkriegsjahren wieder umziehen, diesmal zum Schloss Bellevue, wo sie die damaligen Landeskonservatoren schließlich 1954 „zum Schutz“ im Schlosspark vergraben ließen. Zuvor hatten die Alliierten erwogen, die Statuen zu zerstören.

Erst 1978 wurden sie im Rahmen der Aktion „Rettet die Denkmäler“ wieder ausgebuddelt und ins Lapidarium am Halleschen Ufer/Ecke Möckernstraße gebracht. Drei Jahrzehnte hatten sie in diesem technischen Baudenkmal Ruhe, doch nun setzt sich ihre Odyssee fort. Der Liegenschaftsfonds des Landes Berlin hat das historisch reizvolle Gebäude mitsamt des achteckigen Ziegeln-Schornsteins zum Verkauf ausgeschrieben und „ernsthafte Interessenten“ gefunden.

In den vergangenen Jahren war es im Lapidarium allerdings nicht gänzlich still. Seine zwei großen Werksäle mit den skurrilen Figurengruppen gelten als Geheimtipp für außergewöhnliche Events. Firmen tafeln und feiern mit den Hohenzollern als Kulisse und einem Flügel direkt neben der riesigen erhaltenen Dampfmaschine, die vom früheren Zweck des Pumphauses zeugt. Von hier aus wurde das Abwasser seit 1876 durch eine Druckleitung auf die Berliner Rieselfelder geleitet.

Einzelheiten zum Verkauf hält der Liegenschaftsfonds noch geheim. Man habe „gute Gebote mit umsetzbaren Konzepten“ auf dem Tisch, sagt Sprecherin Irina Dähne. Unter den Interessenten seien Galeristen und Gastronomen. Doch bevor ein neuer Besitzer voraussichtlich zum Jahresende einzieht, müssen die tonnenschweren Fürsten und Könige ausziehen.

Wohin? „Das ist noch unklar“, heißt es in der zuständigen Senatskulturverwaltung. Dort hat man die Zitadelle Spandau als „geeigneten Standort“ im Blick, aber es gibt gewichtige Stimmen, die zumindest einige gut erhaltene Statuen zur Erinnerung an die Siegesallee in den Tiergarten zurückbringen wollen. „Man sollte sie konservieren und wieder am Stammplatz aufstellen“, sagt Georg Friedrich Prinz von Preußen, der heutige Chef des Hauses Hohenzollern. Berlins Vize-Landeskonservator Klaus von Krosigk hat schon einen Ort im Auge: den Kemperplatz neben der Südeinfahrt des Tiergartentunnels, weil hier die „Puppenallee“ begann. Krosigk: „Der Große Tiergarten ist ein Geschichtsdenkmal mit Erinnerungselementen aus drei Jahrhunderten.Zeugnisse der Siegesallee sollten dazugehören.“

Preußens Königin Luise wird auf keinen Fall mit ins Freie ziehen. Auch sie steht auf einem runden Sockel im Lapidarium, gehört aber nicht zur durch und durch männlichen Herrscher-Galerie. Ihre Marmorstatue von Erdmann Encke wurde 1880 auf der „Luiseninsel“ im Tiergarten aufgestellt. In den Achtziger Jahren ersetzte man die wettergeschädigte Königin durch eine Kopie – und brachte das Original ins Lapidarium.

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