Köpenick : Die Berliner Speicherstadt entsteht am Müggelsee

In Friedrichshagen baut der Bund für die Bibliothek und die Museen der Preußen-Stiftung neue Magazine – für Bücher und Kunstwerke

Thomas Loy

Das beschauliche Friedrichshagen am Müggelsee – derzeit rund 16 000 Einwohner – hat schon einige Auf- und Abschwünge hinter sich. Erst wurde es die Stadt der Baumwollspinner, dann kamen die Ausflügler und Kurgäste, anschließend die Maler und Dichter. Nun kommen die Bücher, Fotografien und Kunstwerke. Friedrichshagen wird Standort der neuen Speicherstadt der Stiftung Preußischer Kulturbesitz und damit zu einem der größten Bibliotheks- und Museumsstandorte Deutschlands.

Auf einem riesigen Grundstück am Fürstenwalder Damm, 123 000 Quadratmeter groß, hat der Bau für das zentrale Magazingebäude der Staatsbibliothek begonnen. Im ersten Bauabschnitt entsteht bis 2011 ein Haus für sechs Millionen Bücher, das entspricht 36 Regalkilometern. Mit weiteren Anbauten sollen später sogar zwölf Millionen Bücher dort Platz finden können. Einziehen werden auch das Bildarchiv der Preußen-Stiftung und das Magazin des Ibero-Amerikanischen Instituts. Nebenan planen die Staatlichen Museen zentrale Depots und Werkstätten für die archäologischen Sammlungen und das Ethnologische Museum, die von Dahlem ins Humboldt-Forum ziehen sollen. Dort ist für die Magazine aber kein Platz. Sie ziehen also nach Friedrichshagen, 2014 sollen alle Gebäude fertig sein.

Am Müggelsee wird man von alledem jedoch kaum etwas mitbekommen. Das Grundstück liegt versteckt hinter einem breiten Waldstreifen. Selbst von oben wird nicht viel ins Auge fallen. Das Büchermagazin erhält ein grünes Dach, eine Hülle aus Beton und eine Lkw-Rampe. Die Depotgebäude haben deutlich mehr Fenster, könnten aber auch mit einem Finanzamt verwechselt werden.

Errichtet werden reine Zweckbauten ohne repräsentative Funktion. Die Baukosten für den ersten Abschnitt des Büchermagazins: 84 Millionen Euro. Das Geld kommt vom Bund. Einen Lesesaal oder eine Ausleihtheke wird es nicht geben. 25 Bibliothekare werden zunächst in Friedrichshagen arbeiten und sich um rund drei Millionen Bücher, Zeitschriften und Zeitungen kümmern. In das neue Büchermagazin werden die DDR-Bestände des Hauses Unter den Linden, also Ankäufe von 1946 bis 1989, einziehen, ein Teil der weniger nachgefragten Sammlungen des Hauses Potsdamer Straße und die Zeitungsbände, die bisher im Westhafen untergebracht sind.

Der Leiterin der Staatsbibliothek, Barbara Schneider-Kempf, ist Friedrichshagen „eigentlich zu weit draußen“. Ihr wäre der Flughafen Tempelhof als Standort lieber gewesen, aber wegen der unsicheren Zukunft des Flughafens habe die Stiftung Preußischer Kulturbesitz anders entschieden.

Zwischen den Häusern in der Innenstadt und dem Magazin in Friedrichshagen wird ein Bücherlaster verkehren, wahrscheinlich mehrmals am Tag, um die bestellten Bände zu den Nutzern zu bringen. 25 Kilometer liegen zwischen den Standorten. Das bedeutet, je nach Tageszeit, bis zu einer Stunde Fahrtzeit.

Vorbild für Berlin ist München. Dort gibt es ein externes Magazin im Vorort Garching. Magazin und Haupthaus der Bayerischen Staatsbibliothek liegen etwa 17 Kilometer auseinander. Mit einem sogenannten „Bücherauto“ werden „mehrere tausend Bände“ am Tag durch München transportiert, sagt Sprecher Peter Schnitzlein. Auch wenn in der Regel zwei Werktage von der Bestellung bis zur Ausleihe vergingen, habe sich das „Magazin auf der grünen Wiese“ in Garching bewährt.

Die Friedrichshagener reagieren, wenn sie von den Plänen überhaupt etwas wissen, verhalten positiv auf den Zuwachs an Kulturgütern. „Immerhin besser als der 125. Aldi oder Plus“, sagt Restaurator Ingo Timm. Die Chefin des örtlichen Antiquariats, Katrin Brandel, würde sich wünschen, dass der Köpenicker Ortsteil durch das Label „Speicherstadt“ bekannter wird. Wenn jemand von auswärts wissen möchte, wo ihr Antiquariat auf der Landkarte zu finden ist, sagt sie lieber Köpenick als Friedrichshagen.

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