Körpersprache : Pantomimen aus vier Nationen in der "Etage"

Weiße Schminke, klamaukige Clowns – Pantomime ist viel mehr als das. In der Schule „Die Etage“ findet am Wochenende das 1. Internationale Festival statt.

Clara Billen
Gut mit Hut. Lina Rohde, 23, aus Kreuzberg hat mit ihren Klassenkameraden eine Homage an Marcel Marceau entwickelt. Sie besucht seit einem halben Jahr die Pantomimeschule „Die Etage“, an der Künstler aus der ganzen Welt lernen.
Gut mit Hut. Lina Rohde, 23, aus Kreuzberg hat mit ihren Klassenkameraden eine Homage an Marcel Marceau entwickelt. Sie besucht...Foto: Thilo Rückeis

Nils-Zdenêk Kühn sitzt in seinem Büro in Kreuzberg und raucht. Auf dem Schreibtisch liegen haufenweise Programmhefte, das Telefon klingelt ununterbrochen, hektische Schritte auf dem Flur. Kühn, Leiter der Kreuzberger Schule „Die Etage“ für darstellende und bildenden Künste, bleibt ruhig, guckt nur ein wenig besorgt aus dem Fenster in den Himmel, wo sich Sonne und Regenwolken abwechseln. Im Innenhof einer alten Metall- und Lampenfabrik in der Ritterstraße bauen Handwerker eine Open-Air-Bühne auf. Die ausgeprägte Mimik, mit der Kühn das Wetterschauspiel draußen kommentiert, verrät den Pantomimelehrer. Am Wochenende ist seine Schule Gastgeber des 1. Internationalen Pantomimefestivals „My Mime!“ – Künstler aus Deutschland, Tschechien, Polen und Russland werden auftreten.

Da gibt es Clowns, Tanz, Körpertheater und Schauspiel. Am Sonnabend treten Kühns ehemalige Weggefährten auf: Die „Veteranen der Mime“ wollen zeigen, dass Mime Ü50 „immer noch lustig und sexy ist“. Sie sind Komiker und Pantomimen, machen Handschattenspiele und biegen ihre Körper wie Gummimenschen. Vor drei Jahren hat Kühn deshalb mit zwei Kollegen aus Tschechien und Polen die Europäische Föderation der Pantomime (FEM) gegründet, um die Lobby der Pantomimen in Deutschland zu stärken. Zusammen haben sie das Festival am Wochenende in Berlin organisiert. Adam Halaš, Leiter der Prager Pantomimeabteilung der Akademie der bildenden Künste und Gründungsmitglied der Föderation, freut sich über die Möglichkeit, mit seinen Schülern in Berlin aufzutreten. „Wir merken, dass das Interesse an unserer Arbeit immer größer wird. Das Schöne an Pantomime ist ja, dass sie jeder verwendet, wir alle setzen jeden Tag unsere Mimik ein“, sagt er, lacht und zieht Augenbrauen und Mundwinkel hoch – Begeisterung auf pantomimisch.

Berlin als ersten Austragungsort des Festivals zu wählen, schien logisch: „Die Stadt war immer wichtig für Pantomime, das weiß nur heute keiner mehr“, sagt Kühn, der selbst jahrelang als Pantomimekünstler in der ganzen Welt unterwegs war. „In den 1960er Jahren waren die Akademie der Künste und die Komische Oper die Zentren der europäischen Pantomime“, erzählt er. „Nach der Wiedervereinigung hat unsere Kunst hier an Einfluss verloren.“ An ideeller Unterstützung mangelt es nicht: Die Botschaften der teilnehmenden Länder haben die Schirmherrschaft übernommen. Finanziell war es hingegen eng, Nachbarn und Freunde haben bei Werbung, Bühne und Schlafplätzen für die Angereisten ausgeholfen.

Die Schüler der von Kühn 1978 gegründeten Etage teilen die Begeisterung. Lina Rohde, 23, aus Kreuzberg hat mit ihren Klassenkameraden eine Hommage an Marcel Marceau einstudiert. Seit einem halben Jahr besucht sie die Schule. „Nach dem Abitur war für mich klar, dass ich etwas Kreatives mit meinem Körper machen will. Die Uni war nicht das Richtige für mich“, sagt Lina Rohde. Die Schüler lernen in der dreijährigen Ausbildung Tanz, Akrobatik und Schauspiel. Dafür hat der 40-jährige Australier Nick Friedl die Sonne Sydneys und sein Haus hinter sich gelassen. „In Australien hätte ich nie die Chance auf so eine Ausbildung gehabt“, sagt er. Tatsächlich gibt es in Deutschland nur eine weitere staatliche Schule in Essen. „Mit Pantomime lerne ich mich ganz neu kennen, die ersten Monate waren körperlich schon sehr anstrengend“, sagt Friedl und lässt eine Glaskugel geschmeidig vom rechten Arm über die Brust in die linke Hand rollen. Schulleiter Kühn, kommt vorbeigelaufen, guckt kurz zu und sagt seinen Lieblingssatz: „Alles muss organisch gut sein.“

Pantomimefestival „My Mime!“, Sonnabend und Sonntag ab 18 Uhr, Ritterstraße 12–14, Kreuzberg: Karten ab 10 Euro, ermäßigt 8 Euro. Einen offenen Kurs für Einsteiger gibt es immer dienstags um 17.15 Uhr, 10,50 Euro pro Abend. Mehr Infos unter: www.dieetage.de

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