Berlin : "Körperwelten": Freier Blick aufs Kreuzband

Annette Kögel

Der zwölfjährige Robert Birkner zieht seine Mutter an der Jacke. "Guck mal, Mama, der Mann macht sich ganz schön breit." Tatsächlich - der Tote in der Nische ist in all seine Bestandteile zerlegt und seitlich auseinandergezogen. Leber und Ellenbogen, Zunge und Hoden, Nervenstränge und Gehirn: Was man als Nicht-Mediziner sonst nur im Biologiebuch zu sehen bekommt, präsentiert Gunther von Hagens in seiner umstrittenen Ausstellung "Körperwelten" seit Sonnabend in Berlin: Wunderwerk menschlicher Körper als provokante Plastik.

Wo immer der Pathologe Hagens seine Leichenschau mit vollständig plastinierten Körpern sowie einzelnen aufbereiteten Organen aufbaut, werden hunderttausende faszinierte Besucher angezogen - und andere boykottieren sie, weil es, wie sie finden, an Ehrfurcht vor dem Menschen fehlt. Am Postbahnhof nahe Ostbahnhof in Kreuzberg-Friedrichshain überwiegt zu Ausstellungsbeginn eine Art gespaltener Neugier. Schon am Sonnabend Mittag stehen die Leute bis auf die Straße in der Kälte vor den Kassen. Knapp 4000 Menschen sind bis 18 Uhr schon gekommen. Familie Birkner aus Hohenschönhausen hatte den Wecker früher gestellt.

"Ist ja ziemlich cool", entschlüpft es der 37-jährigen Karin Birkner gleich zu Beginn der Schau. Scheibchenweise liegt dort ein Mann der Länge nach aufgeschnitten. Dass der mal gelebt hat, kann sich auch Roberts 14-jähriger Bruder Philip kaum vorstellen. Jede Muskelfaser, jeden Knochen, jedes Kreuzband können Fremde nun aus der Nähe betrachten. Karin Birkner geht in die Hocke, um besser sehen zu können. Dass sie sich über die 22 Mark Eintritt für Erwachsene geärgert hatte, ist schnell vergessen. "Ein Wunder!" Gemeint ist auch die Technik des Plastinierens, die dem Verstorbenen Wasser und Fett entzieht und stattdessen Flüssigplastik zuführt. Das erscheint so abstrakt, dass man als Besucher in Versuchung gerät, die von der Decke hängenden, festen Körperscheiben selbst anzufassen. Die Farbe der verfremdeten menschlichen Anschauungsobjekte erinnert an Bernstein. Der 12-jährige Robert findet: "Das sieht aus wie gemalt."

Bei dem Rundgang hat man keinen muffigen Leichengeruch wie in der Pathologie in der Nase. Die abstrakten Wesen erscheinen wie konventionelle Exponate in den fabrikähnlichen Hallen. Pflanzen verleihen der künstlichen Hommage an die Natur ein wenig lebendige Wärme. Wie zerbrechlich zart ein Oberschenkelknochen von innen aussieht! Wie filigran das Adergeflecht. Es wirkt wie eine Koralle. Nervenbahnen, Bänder und Samenstränge sind viel dicker als vermutet. Zum ersten Mal sehen viele hier eine Raucherlunge: grauschwarz.

"Guck mal, der Terminator", flachst eine Freundin von Karin Birkner über einen Mann voller Edelstahlprothesen. An der Figur mit dem Pferd wird es Klaus Krakowsky aus Dresden, einem Familienfreund der Birkners aus Hohenschönhausen, aber zu bunt. Der triumphierende Reiter wiegt zwei Gehirne in der Hand: Das größere vom Menschen und das kleinere vom Pferd. "Tiere haben ja auch eine Seele, diese Überheblichkeit gefällt mir nicht." Überhaupt ist dem 50-Jährigen ein wenig mulmig zumute. "Meine Mutter ist gerade gestorben, da sieht man so was mit gemischten Gefühlen." Doch schon am nächsten Exponat schwärmt der Berlin-Besucher wieder davon, "wie unglaublich komplex und damit auch verletzlich der menschliche Körper ist".

Und dann kommt doch der Härtetest. An jenem Mann, der seine Haut über dem Arm trägt wie einen Trenchcoat. Die Muskelfasern sehen aus wie rohes Rind an der Fleischtheke. Ist es nicht doch unmoralisch, so bearbeitete Körper zu zeigen und dann auch noch mit den Merchandising-Souvenirs Geld zu verdienen? "So lange Boulevardmagazine im Fernsehen keine Bedenken haben, Unfälle mit Schwerverletzten in allen Details zu zeigen, so lange finde ich eine solche biologische Schau nicht unmoralisch", sagt der 38-jährige Peter Birkner.

Und doch vermisst die Besuchergruppe aus Hohenschönhausen etwas. "Ich würde gern wissen, wer der Mensch gewesen ist, wie alt er war und warum er gestorben ist", sagt Karin Birkner. Wie viele Besucher der "Körperwelten" hat sich auch die 37-Jährige nicht nur aus privater Neugier zum Ostbahnhof begeben. "Ich lerne gerade um zum Heilerziehungspfleger, da interessiert mich ohnehin, wie der menschliche Körper aussieht." Dann ist Stille. Vor der Frau mit dem Embryo im Bauch. Vor den missgebildeten Kindern mit dem offenen Rücken und jenen mit dem Froschgesicht. Auch Philip ist fasziniert, aber auch verunsichert von der tabulosen Schau. "Sehr interessant hier - aber irgendwie auch stickig." Er meint wohl bedrückend.

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