Berlin : "Körperwelten": "In der Ausstellung wird mit Toten gespielt"

Jörg-Peter Rau

Für Christhard Georg Neubert ist es "ein Kommentar und kein Gegenprogramm", für Ernst Pulsfort "ein Gegenprogamm und nicht nur ein Kommentar." Beide sind Pfarrer: Pulsfort ist Geistlicher Rektor an der Katholischen Akademie Berlin, Neubert Direktor der Evangelischen Kulturstiftung St. Matthäus. Und beide sind gegen die "Körperwelten"-Ausstellung, die am 10. Februar im ehemaligen Postbahnhof in Friedrichshain eröffnet. Sie unterstützen ein Programm, mit dem die beiden Kirchen auf die Schau mit ihren enthäuteten, sezierten und konservierten Leichen reagieren will.

"Hier wird mit Toten gespielt", sagte Pulsfort und geißelte die "Sensationsgeilheit" der Ausstellung. Er warf den "Körperwelten"-Machern vor, die Menschen, die sich zur als "Plastination" bezeichneten Konservierung bereit erklärt hatten, noch als Tote "im Diesseits gefangen zu halten." Darum will er am 14. Februar in der Akademiekirche St. Thomas von Aquin ein Requiem feiern, die katholische Totenmesse mit ihren lateinischen Gesängen.

Rolf Hanusch, Direktor der Evangelischen Akademie zu Berlin, wählt ruhigere Worte. Die "Hoffnung auf ein ewiges Leben als Plastinat" sei in erster Linie eine "theologische Herausforderung", der man sich mit einem "liturgischen und diskursiven Angebot" stellen müsse. Es gibt also während der Laufzeit der "Körperwelten" Andachten und Gottesdienste ebenso wie Podiumsdiskussionen, Kunstausstellungen und Tagungen zu den Themen Tod und Sterben, Verantwortung der Wissenschaft, Grenzen der Kunst. Und wie der Pressesprecher des katholischen Erzbistums Berlin, Andreas Herzig, sagte, soll auch "der Religionsunterricht seine Stärke zeigen". Dafür hat die Charlottenburger Religionslehrerin Petra Rosansky zusammen mit Kolleginnen und Kollegen ein Programm vorbereitet. Das erste Tages-Seminar zum Thema findet jedoch statt, wenn die "Körperwelten" schon einen Monat gelaufen sind. Eine verbindliche Regelung, ob Religionslehrer mit den Schülern die Ausstellung besuchen dürfen, gibt es nicht.

Das wertet Reinhard Lampe von der Pressestelle der Evangelischen Kirche als Zeichen für die "Meinungsvielfalt unter den Christen". Wenn es um das Programm "Mein Leib. Körperwelten in Christlicher Wahrnehmung" geht, sind sich die fünf Männer und eine Frau zumindest in sofern einig, als dass sie die Ausstellung zwar nicht wie Kirchen andernorts am liebsten verbieten lassen wollen, sie aber doch deutlich ablehnen. Sie haben dagegen keine Probleme mit dem öffentlichen Zeigen der medizinhistorischen Sammlung der Charité oder mit dem echten Leichnam im "Theatrum Naturae et Artis" im Gropius-Bau: Hier gehe es schließlich um die Heilung des Menschen, nicht um eine "Freakshow" als Selbstzweck. Und noch etwas eint sie: Bis auf Pfarrer Neubert haben sie alle die seit Jahren in Deutschland laufende Ausstellung noch gar nicht gesehen.

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