Körperwelten : Permanente Leichenschau

Gunther von Hagens würde in Berlin gerne eine Dauerausstellung seiner umstrittenen „Körperwelten“ einrichten. Ein Pro und Contra.

Rita Nikolow

Berlin ist eine offene Stadt, findet der Mann mit dem Beuys-Hut. Deshalb könnte der Plastinator Gunther von Hagens sich vorstellen, hier eine dauerhafte Ausstellung seiner präparierten Leichen aufzubauen. Das sagte von Hagens, der von Mai bis August im Postbahnhof am Ostbahnhof seine Ausstellung „Körperwelten“ zeigt, dem Tagesspiegel.

Seit er Mitte der neunziger Jahre begann, plastinierte menschliche Leichen auszustellen, hat er viel Abscheu erregt. Und Diskussionen darüber ausgelöst, ob die Ausstellung dieser Toten, die zum Beispiel als Reiter auf dem Pferd oder Basketballspieler präsentiert werden, ethisch zu rechtfertigen ist. Unstrittig ist allerdings, dass die „Körperwelten“ eine detaillierte Sicht auf den menschlichen Körper ermöglichen. Und damit ein großes Publikum anziehen. Mehr als 26 Millionen Menschen haben die Wanderausstellungen weltweit bereits gesehen, allein in Berlin waren es 2001 etwa 1,3 Millionen Besucher. Und rund 7000 Deutsche haben sich für von Hagens Körperspenderdatei registrieren lassen.

Über eine Dauerausstellung hat Gunther von Hagens bereits vor einigen Jahren nachgedacht: Berlin, München, Hamburg und Mannheim nannte er 2004 als mögliche Standorte für sein „Menschenmuseum“ – in dem er übrigens auch Tiere zeigen wollte. Berlins damaliger Kultursenator Thomas Flierl (PDS) erklärte dazu 2004, für eine solche Ausstellung werde es in Berlin keine Subventionen oder andere Unterstützung geben.

Im Juni 2004 zog sich von Hagens dann allerdings aus Deutschland zurück – und verschob die Einrichtung des „Menschenmuseums“. Die Behörden, so erklärte er damals, seien für seine Ausstellungen noch nicht reif: In München, Stuttgart und Frankfurt hatte er einige als reißerisch eingestufte Objekte aus der Wanderausstellung entfernen müssen, in Frankfurt zum Beispiel einen plastinierten Gorilla. In Berlin will von Hagens einen plastinierten und enthäuteten Bären zeigen.

Von Hagens wurde auch vorgeworfen, Leichen chinesischer Häftlinge präpariert zu haben. Der Plastinator ließ diese Behauptungen gerichtlich verbieten, sagte im Januar 2008 aber zu, keine Leichen aus China mehr zu verwenden. Denn einige davon zeigten Verletzungen, die auf eine Hinrichtung hindeuteten.

Seit 2006 hat Gunther von Hagens aber doch eine kleinere Dauerausstellung aufgebaut – im südbrandenburgischen Guben, zusammen mit einer gläsernen Werkstatt, in der die Bearbeitung der Leichen beobachtet werden kann. Bislang haben mehr als 100 000 Besucher die Ausstellung im Gubener Plastinarium besucht. Deren Gegner haben sich zum „Aktionsbündnis Menschenwürde“ zusammengeschlossen und lange gegen von Hagens’ Projekt gekämpft. „Von Hagens geht es vor allem um die Vermarktung des menschlichen Körpers“, kritisiert der Gubener Pfarrer Michael Domke. Seit der Eröffnung habe das Aktionsbündnis seine Aktivitäten allerdings eingestellt. „Herr von Hagens versucht ständig, den Skandal weiterzutreiben“, sagte Domke.

Mit dem Plastinarium sind zunächst 130 Arbeitsplätze nach Guben gekommen. 67 Mitarbeiter haben ihren Arbeitsplatz aber bereits wieder verloren. Im Januar 2009 hat der Präparator das Plastinarium geschlossen – und will es umbauen und im Mai 2010 wiedereröffnen: „als modernisiertes anatomisches Bildungszentrum“.

Zu einer möglichen Dauerausstellung in Berlin hieß es am Freitag aus der Senatskanzlei für kulturelle Angelegenheiten lediglich, man werde keine Bewertung der Ausstellung als künstlerische Aktion vornehmen. Auch zu Fragen einer finanziellen Unterstützung einer Dauerausstellung will sich die Landesregierung nicht äußern. Der Senat ist allerdings nicht die Genehmigungsbehörde, eine Erlaubnis ist Sache der Bezirke.

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