Kohlenhändler in Berlin : Der Ofen geht aus

Den Job kann nicht jeder. Man muss hart sein und darf sich keine Sorgen um die Zukunft machen. Unterwegs mit Berlins letzten Kohlenhändlern.

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Sie haben bei Köglers alle schon ganz schön was auf dem Buckel. Neue Mitarbeiter kommen nicht hinzu. Wer will schon tonnenweise Heizbriketts und Kohle durch Berliner Treppenhäuser schleppen?
Sie haben bei Köglers alle schon ganz schön was auf dem Buckel. Neue Mitarbeiter kommen nicht hinzu. Wer will schon tonnenweise...Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Die Kälte ist über die Fingerspitzen längst hinaus, hat die ganze Hand erreicht. Schon kriecht sie auch von unten brennend durch die Sohlen. Soll ein schöner Tag werden, hieß es im Radio. Morgens um sieben, bei minus drei Grad, ist davon an der Mohriner Allee in Berlin-Britz noch nichts zu spüren. „Kommt vom Rumstehen“, sagt Dirk Kögler, er hat es eilig. Drei Lkws sollen beladen werden. Und überhaupt, was heißt das schon, schön?

Für Kögler könnten kalte Morgen wie diese ewig währen. Auf die Frage, was denn sein größter Wunsch wäre, jetzt und hier, da sagt er nicht etwa sechs Richtige im Lotto, oder ein neuer Laster, oder wenigstens ein paar neue Handschuhe, denn die alten sind an den Fingern aufgerissen und nun wirklich hinüber. Nein, er sagt: „Dass es bei uns immer Arbeit gibt. Auch im Sommer.“

Schwarzer Staub legt sich über die Klamotten

Dirk Kögler, 49 Jahre alt, steigt aus dem Gabelstapler, richtet sich zu seinen mindestens 1,85 auf. Der Schriftzug „Rekord“ steht schmutzig grau vorne quer auf der Mütze. Rekord, so heißen auch die Briketts, die sie gerade aufladen. Hinter ihm werden wieder zwei 25-Kilo-Bündel auf die Ladefläche geschoben. Staub steigt auf, schwarzer Staub, der sich schon über alles hier gelegt hat, über die leeren Holzpaletten, die sich zu Türmen stapeln, über die Lastwagen, den unebenen Boden, die Männer, ihre abgeschabten Klamotten.

Früher, da mussten sie nicht auf kalte Tage hoffen. Da haben sie auch im Sommer Kohlen ausgetragen. Nur im Mai war es ein bisschen ruhiger. Wenn keiner mehr Lust auf Heizen hatte, niemand mehr an Kohlen dachte. Aber schon im Juni ging es doch wieder los, haben die Leute angerufen, wurde eingekellert. Weil es dann billiger war.

Keiner kellert mehr ein

Lange vorbei. Keiner kellert mehr im Sommer ein. Jetzt warten die Kunden ab, warten bis Oktober. Vielleicht brauchen sie dann gar keine Kohlen mehr. Weil ihnen der alte Ofen wegsaniert wurde. „Das“, sagt Dirk Kögler, „ist immer ein trauriger Moment.“ Wenn alte Kunden sich mit den Worten verabschieden, dass man sich leider nicht wiedersehe, weil sie eine neue Heizung kriegen. Mancher habe nicht einmal Zeit, sich zu verabschieden. Oft ist es doch so: Stirbt in den Altbaubezirken eine Frau mit einem 60 Jahre alten Mietvertrag, dann stirbt auch ihr Kachelofen.

„Ich muss mich heute ein bisschen schonen“, sagt Herr Emmermann – und lacht über seinen Scherz. Dann nimmt er zwei 25-Kilo-Bündel, eins links, eins rechts, ein nicht besonders großer Mann mit ziemlich krummen Beinen, und wuchtet sie auf den Laster. Mit 62 ist er der Älteste hier. Vielleicht nennen sie ihn deshalb immer „Herr Emmermann“. Wie er so lange fit geblieben ist? Ach das, das sei Gewöhnung, immerhin mache er den Job jetzt seit 36 Jahren. „Wir sind doch alle nicht mehr die Jüngsten“, fügt Kögler hinzu. Und was sich anhört wie der Beginn eines Dialogs im Wartezimmer beim Orthopäden, endet mit der Feststellung: „Das ist ganz gut so.“

Schlepper-Business. Die Männer der Firma Kögler vor der Ladenfront in der Kreuzberger Körtestraße.
Schlepper-Business. Die Männer der Firma Kögler vor der Ladenfront in der Kreuzberger Körtestraße.Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Denn mit den Jungen, glaubt Kögler, könne er nichts anfangen. Denen fehle die Bereitschaft, sich zu quälen. Die braucht man aber, wenn man beim Kunden den zweiten Stock erreicht hat, mit 83 Kilo auf dem Rücken, so viel wiegt der hölzerne Tragekasten einschließlich Briketts, wenn man weiß, es kommen noch zwei Etagen, und unten auf dem Laster wartet noch eine Tonne.

Solche Leute zu finden, sei nicht leicht. Er hat sie gefunden. Fünf Mann, beinahe jeder hat eine Kippe im Mundwinkel, als seien sie dort festgewachsen. Männer wie Wolfgang, eher ein schmaler Typ, auch schon 51, die fehlenden Zähne machen sein Gesicht noch hagerer. Er könne jedenfalls nicht klagen, wenn man von den Knien absieht. Gerade öffnet er sich eine Flasche Bier, „denn ohne jutet Frühstück jeht hier jar nüscht.“

Der ideale Kohlenträger ist klein und zäh

Der ideale Kohlenträger, behauptet Kögler ungeachtet seiner eigenen Körpergröße, ist klein und zäh. „Die Bodybuilder-Typen, die reißen das zweimal, dann brauchen sie einen Energydrink.“ Er klingt, als würde er sich bei dem Wort „Energydrink“ gleich schütteln. Oder die Möbelpacker: Die seien es gewohnt, einen Schrank hochzutragen und dann vier Stunden lang aufzubauen, Zeit, in denen sie sich erholen können. Der Kohlenträger hat nur einen Trick, bei dem er sich ein bisschen ausruht: „Auf dem Treppenabsatz immer außen gehen“, dann habe man zwei Schritte mehr geradeaus, eine Pause, bei der man nicht treppauf muss, der Königsdisziplin in dieser Branche.

Schwarzhandel. Der Kohlenstaub ist ständiger Begleiter.
Schwarzhandel. Der Kohlenstaub ist ständiger Begleiter.Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Eigentlich fällt Kögler nur eine Spezies ein, die diesen Job auch machen könne: der Gerüstbauer. Doch selbst bei dem kommt ja heutzutage immer häufiger der Aufzug zum Einsatz. Nach kurzem Überlegen fügt Kögler noch die Gleisbauer hinzu, als sie die Gleise noch selbst getragen und eingehämmert haben. In den 90er Jahren habe er mal solch einen Trupp aus Ost-Berlin gesehen. Da habe er, der wie alle hier West-Berliner ist, gedacht, die Jungs, das sind welche von uns. Kohlenträger sei einer der letzten Jobs, der sich in den vergangenen 100 Jahren nicht verändert habe.

Sie trotzen der Automatisierung

Aber Ost-Berlin ist weg und West-Berlin auch. Mag sein, dass sich die Kohlenträger nicht verändert haben, dass sie sich immer noch schinden, dabei dem Trend zu gesundem Leben unter Verzicht auf Zigaretten und Alkohol ebenso trotzen wie der Automatisierung, der Globalisierung, dem Smartphone (keiner hat dafür hier eine Hand frei) und was die Moderne sonst noch so bereithält. Doch ihr Revier wird immer kleiner.

Die Zeiten, in denen der Berliner Kohlenhändlerverband regelmäßig zum Eisbeinessen in die Festsäle an der Hasenheide lud, sind lange vorbei. Dirk Köglers Opa hat sie noch erlebt, die Familie ist mütterlicherseits seit 1909 im Kohlengeschäft. Der Verband veranstaltet auch keine Dampferfahrten mehr. Es gibt nicht einmal mehr einen Verband.

Früher waren sie so häufig wie Nagelstudios

Die Köglers haben ihren Laden in der Körtestraße, sie kommen aus Kreuzberg, wo Kohlenhändler früher so häufig waren wie heute Nagelstudios oder Wettbüros. Noch in den 70er Jahren, erinnert sich ein Schornsteinfeger, der damals im Karree hinter der Marheineke-Halle seine Lehre machte, hatte die Hälfte der Wohnungen Ofenheizung. Heute sind da vielleicht noch 30 Stück.

In wie vielen alten Kachelöfen in Berlin überhaupt noch ein Feuer brennt, wie viele Allesbrenner noch geschürt werden, weiß keiner so genau. Die neuesten Zahlen sind auch schon von 2014, es handelt sich um eine Hochrechnung nach dem letzten Mikrozensus des Bundesamtes für Statistik. Danach wurden 12 000 Wohnungen in Berlin ganz oder überwiegend mit Kohlen beheizt. Die letzten gesicherten Angaben sind fünf Jahre alt, da zählte die Schornsteinfegerinnung in Berlin 88 760 Kleinfeuerungsanlagen, gemeint war jede einzelne Feuerstelle, vom Kamin bis zum Kachelofen. Die Zahl der Ofenheizungswohnungen wurde da noch auf 30 000 geschätzt.

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