Berlin : Kollege, bitte das Skalpell

Werner Schmidt

Ihre Waffen sind das Mikroskop, die Lupe, das Skalpell, die Pinzette, dazu UV- und Infrarot-Licht und der Computer. Ihre Aufgabe: Entlarven von gefälschten Ausweisen und Urkunden. Rund 2500 Dokumente unterschiedlichster Art untersuchen die Mitarbeiter der Polizeitechnischen Untersuchung (PTU) im Landeskriminalamt am Tempelhofer Damm in Tempelhof in jedem Jahr. Die Tendenz ist steigend. Gespannt verfolgen die Polizeitechniker die politische Diskussion um den Personalausweis, der mit zusätzlichen Sicherheitsmerkmalen - beispielsweise den Daumenabdruck des Inhabers - ausgestattet werden könnte. Der deutsche Ausweis gehört allerings schon heute zu den fälschungssichersten der Welt.

Bisher schreiben erst einige wenige afrikanische und asiatische Staaten einen Fingerabdruck im Pass vor. Der Daumenabdruck sei zwar ein weiteres Merkmal, um die Identifizierung des Besitzers zu erleichtern, notwendig aber sei er im deutschen Ausweis nicht, meint Helmut Damm. Er ist Urkundensachverständiger bei der PTU.

Sein Schreibtisch blieb in den letzten zehn, zwölf Jahren weitgehend frei von dem schon zu seiner Einführung Ende der 80er Jahre als fälschungssicher gepriesenen deutschen Ausweis. Die etwa 40 Dokumente, die er zur Erstellung eines Gutachtens bisher untersuchen musste, waren selbst für Laien unschwer als falsch zu erkennen: "Wenn alle Staaten unsere Sicherheitsstandards hätten, gäbe es keine Schwierigkeiten", sagt Damm und zeigt das Beispiel eines gefälschten deutschen Personalausweises, der in der Wohnung eines Fälschers gefunden wurde. In dem "Rohling" ist noch kein Bild, die Lamininierung ist lappig, die mit einem Computerdrucker aufgebrachte Schrift verschmiert. Vielleicht ließe sich eine gestresste Verkäuferin in einem Kaufhaus an einem überlaufenen Adventssonnabend damit täuschen. Aber auch das nur vielleicht. Ein Blick durch eine einfache Lupe offenbart die Farbpunkte, die der Tintenstrahldrucker hinterlassen hat. Auf dem echten Ausweis sind die Ränder der Zahlen leicht ausgefranst - was ihn vom scharfrandigen Druck mit einem Laserdrucker unterscheidet - und die farbigen Linien sind ungebrochen.

Weitaus mehr Probleme bereiten den Prüfern die alten Dokumente. Vom früheren grünen Reisepass der Bundesrepublik landen deutlich mehr Exemplare bei Damm zur Untersuchung. Der grüne Pass wird heute noch in eiligen Fällen ausgestellt, wenn der rote Euro-Pass abläuft, aber für eine nicht aufschiebbare Reise ins Ausland schnell ein Passdokument gebraucht wird. Ausgestellt wird er in Berlin von den Meldestellen und im übrigen Deutschland von den Gemeinden.

Dort lagern auch die Blankodokumente, auf die es nicht selten Einbrecher abgesehen haben. Muss Damm oder einer seiner Mitarbeiter ein solches gestohlenes - und daher echtes - Dokument untersuchen, kann er zunächst nur zu einem Schluss kommen: Der Ausweis ist echt. Denn nicht selten verschwinden mit den Formularen auch die Dienstsiegel. Allerdings lässt sich anhand der Seriennummer sehr schnell herausfinden, ob der Ausweis gestohlen wurde. Aber dies festzustellen, gehört nicht zu Damms Aufgaben.

Allerdings ist es in manchen Fällen schon sehr schwierig, nachzuprüfen, ob ein Dokument echt ist oder nicht. Zwar existieren bei den Länder-Polizeien und beim Bundeskriminalamt Vorlagen von Personaldokumenten der meisten Länder der Welt - aber eben nicht von allen. Aus Nigeria, dem Irak oder auch Afghanistan beispielsweise gibt es keine Vorlagen. Dafür müssen sich Damm und seine Mitarbeiter in letzter Zeit verstärkt um gefälschte griechische Pässe kümmern, mit denen Frauen aus Osteuropa über Griechenland, Italien und Österreich nach Deutschland geschleust werden, um hier zur Prostitution gezwungen zu werden. Russen die verschaffen sich mit Vorliebe echte Dokumente der baltischen Staaten, deren Bewohner seit einiger Zeit ohne Visum nach Deutschland reisen dürfen. Denn Russen brauchen noch immer eine Einladung aus Deutschland und ein Visum, welches Kriminelle nicht unbedingt beantragen wollen.

Schwierig wird es für Damm auch, wenn ihm ein Führerschein aus Indien zur Begutachtung vorgelegt wird. Dort gebe es sehr viele unterschiedliche Arten dieses Dokuments, von denen einige nicht selten aussähen, als seien auf einem Stempelspiel für Kinder gefertigt.

Eines ist Damm in den vergangenen Jahren auch noch aufgefallen: Die Zahl der Briefmarken-Fälschungen ist deutlich zurückgegangen. Der Grund dafür, so vermutet er, sei wohl, dass weniger Briefe geschrieben werden: "Man kommuniziert dafür immer häufiger elektronisch, beispielsweise per e-mail."

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