Kolumne "Mein Berlin" : Aus den Alten klug werden

Hatice Akyüns Vater hat sich trotz seiner anatolischen Ideale ziemlich gut weiterentwickelt. Notizen aus der globalen Stadt unserer Kolumnistin.

Hatice Akyün.
Hatice Akyün.Foto: Andre Rival

Mein Vater rief mich am Wochenende an. Allein diese Tatsache ist schon eine Kolumne wert. Man muss sich das gängige Telefonverhalten meines Vaters in etwa so vorstellen: Tochter ruft Vater an, fragt nach seinem Befinden, Vater murmelt etwas Unverständliches und sagt zügig: „Ich gebe den Hörer mal an deine Mutter weiter.“ Diesmal war es anders. Er hatte das Bedürfnis, mit jemandem zu sprechen. Meine Mutter war offenbar nicht zu Hause. Wir redeten über das Wetter in Berlin und Izmir, kurz über den verstorbenen Dialysepatienten aus Pakistan, über die Enkeltochter, die bald ihre erste Ballettaufführung haben würde und über die Migrantenquote der SPD. Das, was Politik-Korrespondenten, Feuilletonisten, TV-Kommentatoren in dutzenden Beiträgen seit Tagen versuchen mir zu erklären, schaffte mein Vater mit einem Satz: „Intelligent ist nicht schlau, und schlau ist nicht klug.“

Mein Vater hat sich trotz seiner anatolischen Ideale ziemlich gut weiterentwickelt. Als ich ihm vor einigen Jahren stammelnd erklärte, dass ich mit Mitte 30 nicht mehr heiraten würde, auch nicht, wenn ein Kind unterwegs ist, rechnete ich damit, dass er mindestens drei Monate nicht mit mir spricht. Aber nichts davon trat ein. Stattdessen eine Bemerkung, auf die ich nichts entgegnen konnte: „Wir machen uns zum Gespött der Leute, wenn wir zwei Fünfzigjährige verheiraten.“ Dann fügte er noch hinzu: „Herkesin akli bir olsa, koyuna coban bulunmaz – hätte jeder den gleichen Verstand, fände man für die Schafe keinen Hirten.“ Ich hatte meinen Vater wieder einmal unterschätzt. Er hatte erkannt, dass ich nicht zu neuen Ufern aufbrechen kann, wenn ich mich ständig auf meine Eltern besinnen muss.

Die Alten sind bei den Türken die Weisen. Unsere Großeltern und Eltern werden verehrt und geachtet. Sie haben einen Ehrenplatz in der Familie, ihrem Urteil wird die vollste Aufmerksamkeit gewidmet. Überhaupt nicht vergleichbar mit den Alten in der deutschen Politik, an denen man erkennen kann, wie wenig Vertrauen man in die Riege der heutigen Akteure hat. Überall nur alte Männer, die mit ihrer „Es-ist-so-Autorität“ daherkommen: Helmut Schmidt, der zu allem etwas weiß, Heiner Geißler, der neulinke Rechte, der S21 so links verhandelt hat, dass jeder recht bekam. Egon Bahr, der letzte lebende Kompass der alten bipolaren Welt klarer Feindbilder und aufrechter Ansichten. Oder jener Greis, der sogar mich als Muslima fast davon überzeugt hat, dass es neben Sunniten und Schiiten auch noch die Peter-Scholl-Latouriten im Islam gibt. Es scheint fast so, als habe die alte Bonner Republik als überparteilicher Seniorenrat die Meinungsherrschaft übernommen.

Während Minister immer jünger und weiblicher werden, sind die Welterklärer so alt wie omnipräsent. Indem wir, die Generation der Geschichtslosen, in virtuellen Welten den Bezug zur Privatsphäre zu verlieren scheinen, kommt dem Senioren-Stuhlkreis im Haus der Geschichte die Realität abhanden. Sie gaukeln uns vor, man könnte ihre Zeiten in die Neuzeit herüberziehen. Ähnlich wie die betonierten Bausünden aus den siebziger Jahren, zeigen stehen gebliebene Typen wie Klaus von Dohnanyi und sein Wiederbelebungsversuch der Gastarbeiterrepublik oder der horizontbeengte Ralph Giordano mit seiner einfältigen Sicht auf die vielfältige Religion der Muslime, dass sich falsches Denken in falschen Taten rächt. Und dass der fehlende Blick auf das Ganze Details übersieht und dass Denken etwas Dynamisches und nichts Statisches ist.

Oder wie mein Vater sagen würde: Akil yasta degil bastadir – klug ist man nicht im Alter, sondern im Kopf.

Die Autorin lebt als Schriftstellerin und Journalistin in Berlin. Ihre Kolumne erscheint jeden Montag.

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