Kolumne "Mein Berlin" : Kopftuch? Nur bei Frost

In ihrer neuen Kolumne berichtet Hatice Akyün ab heute von ihrem Leben in Berlin, oder, wie sie es nennt, von "ihrem chronischen Schnupfen", und räumt dabei auf ironische Weise mit gängigen Vorurteilen auf.

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Ein Kopftuch ist bei vielen jungen Muslima modisches Accessoire.
Ein Kopftuch ist bei vielen jungen Muslima modisches Accessoire.Foto: dpa

Gestatten: Hatice! Wenn Sie jetzt innerlich spontan „Gesundheit!“ gewünscht haben, sind sie eindeutig noch nicht bereit für den interkulturellen Dialog. Hatice ist kein Schnupfen, sondern mein Name. Hatice Akyün und, ja, Sie haben richtig geraten: Ich bin ein Mensch mit Migrationshintergrund. Das klingt ein bisschen wie Mensch mit Behinderung, ist also politisch außerordentlich korrekt, sagt aber irgendwie auch: Hier ist ein Mensch, aber ...

Also habe ich beschlossen, diese Kolumne dazu zu missbrauchen, nicht nur meinen Hintergrund in den Vordergrund zu rücken, sondern auch meinen Nebenberuf als Mensch und das „Aber“ aus meiner Selbstwahrnehmung zu vertreiben.

Also keine Panik, ich werde Ihnen keine Leidensgeschichten erzählen, ich bin nicht zwangsverheiratet, nicht auf der Flucht vor meinen gewalttätigen Brüdern, und mein türkischer Vater wäre zu gern der Patriarch im Haus, aber seine vier Töchter und sieben Enkelinnen bieten ihm keine allzu großen Entfaltungsmöglichkeiten in dieser Rolle. Ja, ich trage manchmal Kopftuch, aber nur bei Berliner Minusgraden, weil ich sonst Ohrenentzündung bekomme.

Da ich, als Ihre Kolumnistin, und Sie, als – hoffentlich – meine neuen Stammleser, gleich ein gutes Verhältnis aufbauen sollten, mache ich Ihnen zu Beginn ein Geständnis: Mein Leben unterscheidet sich nicht so besonders von dem anderer Berliner, deren Migrationshintergrund schon etwas weiter zurückliegt – also in die Zeit, als Ururomi als Hugenottin herkam. Ich selbst bin ja erst 2000 hierher gezogen – übrigens aus Duisburg, meiner Heimatstadt.

Alltag mit Migrationshintergrund: Die Tagesspiegel-Autorin Hatice Akyün erzählt jeden Montag aus ihrem Leben als Deutsch-Türkin in Berlin.
Alltag mit Migrationshintergrund: Die Tagesspiegel-Autorin Hatice Akyün erzählt jeden Montag aus ihrem Leben als Deutsch-Türkin in...Foto: promo/André Rival

Mein Leben ist manchmal langweilig, manchmal mühselig, manchmal einfach genial. So wie das Ihre. Aber das muss unter uns bleiben. Denn beruflich bin ich nicht bloß Journalistin, sondern auch Fachfrau in Migrationsfragen mit einer weit über die Stadtgrenzen hinaus berühmten Kernkompetenz zu türkischen Themen, die ich mit der anatolischen Muttermilch faktisch aufgesogen habe. Nicht auszudenken, wenn herauskommt, dass ich in Wirklichkeit oft nicht einmal koranfest bin. Das würden mir die strengen Christenmenschen nicht verzeihen, auch wenn ihnen selbst nicht ein einziger Psalm einfällt.

Wir halten fest: Mein Name ist kein Schnupfen, der Migrationshintergrund ist es doch. Und zwar ein chronischer. Manchmal hoffe ich darauf, dass dagegen eine Schluckimpfung gefunden wird, gleichzeitig weiß ich aber, dass die Pharmaindustrie Wichtigeres zu tun hat. Wenn also nette Zeitgenossen besonders langsam und deutlich mit mir reden, nachdem sie meinen Namen gehört haben, obwohl ich in manchen Redaktionen auch als Schlussredakteurin herhalten musste, weil ich einfach besser Deutsch kann als die Kollegen Müller und Schmidt, dann muss ich meine Yogakenntnisse hervorkramen, um nicht wütend zu werden.

Es gibt Tage, an denen wäre ich gerne einfach bloß Deutsche. Aber dann fallen mir die vielen großartigen Dinge ein, die ich als Deutsche mit meiner türkischen Kultur im Gepäck so erlebe und empfinde. Dass viele von diesen Dingen nichts ahnen und fast enttäuscht sind, dass wir nicht von Hartz IV leben, keine niedlichen Schafe in der Badewanne schächten und ihnen nachts auch nicht an der U-Bahn auflauern, macht nichts. Dafür gibt es ja nun diese Kolumne. Es wird sicher spannend. Dafür stehe ich als Mensch und Migrantin.

Die Autorin wurde 1969 in Anatolien geboren und lebt als Journalistin und Schriftstellerin in Berlin. Ihre Kolumne erscheint ab heute jeden Montag.

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