Kolumne "Mein Berlin" : Und wehe, keiner lacht!

Hatice Akyün erzählt in ihrer Kolumne von ihren ganz eigenen Erfahrungen mit dem deutschen Karneval. Die Rede des neuen Innenministers gehört für sie auch dazu: in der Kategorie "Büttenrede".

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Hatice Akyün.
Hatice Akyün.Foto: Andre Rival

Über die Integration gibt es Missverständnisse. Eines davon ist die Annahme, dass wir Menschen mit Migrationshintergrund nur die positiven Dinge unserer neuen Heimat annehmen. Aber wir verinnerlichen auch eher fragwürdige Eigenarten der Ureinwohner. Um gleich mit den ärgsten Klischees zu kommen: Ich nerve viele Freunde mit meiner Disziplin und Überpünktlichkeit – beides nicht gerade anatolische Grundtugenden. Etwas anderes, das ich völlig verinnerlicht habe, ist der Wunsch in der Karnevalszeit möglichst viel Spaß zu haben. Und wehe, einer lacht nicht mit.

In diesem Jahr bin ich voll auf meine Kosten gekommen – ohne ein einziges Mal das Rheinland betreten zu haben. Mein besonderer Dank gebührt dafür dem neuen Bundesminister des Inneren Hans-Peter Friedrich. In seiner Büttenrede zum Amtsantritt sagte er: „Dass der Islam zu Deutschland gehört, ist eine Tatsache, die sich auch aus der Historie nirgends belegen lässt.“ Das ist von einer herzzerreißenden Komik. Unverzüglich habe ich im Innenministerium angerufen, um für meine muslimischen Freunde und mich herauszufinden, wo wir unseren Islam noch rechtzeitig abgeben können, bevor er auf dem Index steht. Martin Luther kann sich glücklich schätzen, dass er in den Kindertagen der Reformation bloß Papst und Kaiser gegen sich hatte und nicht einen Burschen wie diesen Friedrich.

Das kommt davon, wenn sich in den Karneval dauernd so ein Sportpalasthumor mischt. Für meinen Geschmack war dieses Mal zu viel von echten Waffen die Rede. Horst Seehofer, offenbar nicht nur eine Spaßkanone, sagte, die CSU werde „bis zur letzten Patrone kämpfen, dass wir keine Zuwanderung in die deutschen Sozialsystem bekommen“. Das kennen die Berliner ja, die Stadt wurde ja auch mal „bis zur letzten Patrone“ verteidigt. Diese Formulierung stammt übrigens von NS-Generalleutnant Hellmuth Reymann. Ich war gerade dabei mit meiner Tochter zum Kindergarten-Fasching aufzubrechen, als zudem eine superlustige E-Mail ankam. Eine Dame, die sich mit vollem Namen vorstellte, plauderte erst etwas über den barbarischen Koran, um mir dann mitzuteilen, dass ich die schlimmste von allen gefährlichen Muslimenweibern sei: „Sie tun so, als ob Sie integriert wären, sind aber eindeutig auf der Seite der Islamisten. Sie sind der Grund, weshalb noch viel massiver gegen die Islamisierung vorgegangen werden muss“, stand da. Und das ganz ohne karnevalistisches Tätäääääää Tätäääääää.

Kurz überlegte ich, ob wir die Kostüme „Biene Maja“ und „Pippi Langstrumpf“ nicht doch lieber gegen zwei schusssichere Westen eintauschen sollten. Aber dann besann ich mich der Weisheit, dass die Preußen so schnell nicht schießen. Auf dem Weg zum Kindergarten fiel mir ein, dass weder die Engel aus der Bibel, noch die aus dem Talmud und auch nicht die Freunde aus dem Koran auf dem Ku’damm gelandet sind. Irgendwann ist also auch das Christentum nach Germanien eingeschleppt worden. Sollte das Minister Friedrich nicht stutzig machen? Sind 2000 Jahre Verankerung nicht etwas wenig? Vielleicht sollte Friedrich mal einen Think Tank beauftragen, über die Rückkehr zum Heidentum zu beratschlagen. Einen Vorteil hätte das in jedem Fall: Kein Aschermittwoch mehr, das ganze Jahr Karneval!

Die Autorin lebt als Schriftstellerin und Journalistin in Berlin. Ihre Kolumne erscheint jeden Montag.

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