Kolumne "Meine Heimat" : Berliner Vorurteile

Es soll sie geben: Ost-Berliner, die nie in West-Berlin waren und umgekehrt. Dann soll es auch solche geben, die Vorurteile gegenüber Ausländern, vornehmlich Türken, pflegen. Unsere Kolumnistin Hatice Akyün begegnet diesen Menschen - ungewollt.

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Hatice Akyün ist Autorin und freie Journalistin. Sie ist in Anatolien geboren, in Duisburg aufgewachsen und in Berlin zu Hause.
Hatice Akyün ist Autorin und freie Journalistin. Sie ist in Anatolien geboren, in Duisburg aufgewachsen und in Berlin zu Hause.Foto: promo

Kurz vor meinem Urlaub besuchte mich ein Freund in Berlin. Er kam mit seinem Auto. Seit ich in Berlin lebe, besitze ich nicht nur kein Auto mehr, sondern fahre auch keines. Aber das ist eine längere und äußerst komplexe Geschichte. Also fuhr ich mit dem motorisierten Freund in das schwedische Möbelhaus nach Lichtenberg. Auf dem Weg zurück nach Charlottenburg verfuhren wir uns, so dass wir an einer Tankstelle nach dem Weg fragten. „Drüben war ick noch nie, da geh’ ick nich hin, da kenn’ ick mich nich aus“, sagte der Tankwart. Das erinnerte mich an die Geschichte des japanischen Soldaten Nakamura Teruo, der sich erst 1974 im indonesischen Dschungel ergab, weil er vom Kriegsende nichts mitbekommen hatte.

Kein Rede und Antwort-Stehen wegen des Migrationshintergrundes

Urlaub machte ich auf einem Bauernhof im tiefsten Bayern. Nicht, dass der Öko in mir ausgebrochen wäre. Meine ganze Kindheit habe ich gezwungenermaßen im anatolischen Dorf meiner Eltern verbracht. Dort ernteten wir wirklich Weizen und versorgten Nutztiere. Mein Großstadtkind sollte eine echte Vorstellung von Natur bekommen, jenseits von Streichelzoo und Schrebergärten. Nun könnte man meinen, dass man in Bayern in das Zeitalter vor der Elektrifizierung geworfen wird. Ich hatte mich darauf eingestellt, wegen meines Migrationshintergrundes Rede und Antwort stehen zu müssen, aber nichts dergleichen geschah. Nicht eine einzige Frage, woher mein Name sei, was er bedeute und ob ich zurück in die Heimat wolle. Auf dem Drei-Generationen-Bauernhof wurden wir von der Oma bis zum Enkelsohn als natürlicher Bestandteil des Alltags angenommen und alle bemühten sich, dem Stadtkind Tierwelt und Pflanzen näherzubringen.

Ein Besuch auf dem Bauernhof mit der Bitte nach weniger Schwarz-Weiß-Denke.
Ein Besuch auf dem Bauernhof mit der Bitte nach weniger Schwarz-Weiß-Denke.Foto: picture alliance / dpa

Vorurteile unbeschadet beibehalten

Sogar auf Berlin musste ich in meinem Bayernurlaub nicht verzichten. Eine Berlinerin mit Tochter war auch da. Unsere Töchter schlossen Freundschaft, wie das eben nur Kinder können. Vielleicht war es die pralle und prächtige Natur, die mich berauschte, aber mein Wunsch hielt sich in Grenzen, mit der Mutter ebenfalls einen Freundschaftsbund einzugehen.

Ich hatte aber auch keine Lust auf ihre gepflegten Vorurteile über Türken. Sie wollte wissen, wieso denn der Vater nicht dabei sei. Als ich ihr knapp sagte, dass wir getrennt seien, fiel sie aus allen Wolken. Wie ich denn die Trennung überlebt hätte? Ehrenmorde seien doch unser Scheidungsersatz. Sie ging selbstverständlich davon aus, dass unsere Eltern die Ehe von langer Hand eingefädelt hätten. Meine Berliner Mitbürgerin hat all ihre Vorurteile unbeschadet beibehalten, seit sie aus Dresden in unsere Stadt gezogen ist. Immerhin konnte ich nun in Bayern erste Überzeugungsarbeit leisten.

Wir hegen und pflegen unser Weltbild, weil jede Veränderung unser Bauchgefühl bedroht. Den Tankwart und die Frau aus Dresden gibt es en masse, auch im Westen. Die Vorurteile mögen zwar anders sein, der Mechanismus ist aber derselbe. Oder wie mein Vater sagen würde: „Yüz dinle, bin düsün, bir konus – höre hundertmal, denke tausendmal, sprich einmal.“

Hatice Akyün ist in Anatolien geboren, in Duisburg aufgewachsen und in Berlin zu Hause. An dieser Stelle schreibt sie immer montags über ihre Heimat.

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