Kolumne "Meine Heimat" : Fertig für den Neuanfang

Ihr Leben ist nicht schwarz oder weiß, sondern eine Palette von unendlich vielen Grautönen, schreibt unsere Kolumnistin. Eigentlich ist alles geordnet, läuft in richtigen Bahnen. Doch ob es das Leben ist, das man auch wirklich führen möchte, ist eine andere Frage.

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Wann von Pferd ab und wann auf ein neues wieder aufspringen? Das ist oft nicht einfach zu beantworten - zumindest wenn das Pferd der Weg ist, für den man sich im Leben entscheidet. Foto: dpa
Wann von Pferd ab und wann auf ein neues wieder aufspringen? Das ist oft nicht einfach zu beantworten - zumindest wenn das Pferd...Foto: dpa

Am Treppenaufgang zur U-Bahnstation las ich: „Wenn du ein totes Pferd reitest, steig ab.“ Nun gehöre ich zu der Minderheit weiblicher Wesen, die in keine Verzückung geraten, wenn sie an Pferde denken. Mein erstes Haustier war unser Esel in Anatolien, aber das ist ein anderes Thema. Der Satz ging mir nicht aus dem Kopf. Sagt er doch, eingefahrene Situationen zu beenden, wenn sich daraus keine persönliche Entwicklung mehr ergibt.

Mein Leben ist nicht schwarz oder weiß, sondern eine Palette von unendlich vielen Grautönen. Zunehmendes Alter und die Reife, die damit einhergehen sollte, hinterlassen bei mir den Eindruck, dass in Grau doch noch genug Farbe steckt. Meine ganz großen Ziele sind im Meer des Alltags verschwunden, die kleinen erreiche ich mit geringer Abweichung und einer Portion Selbstbetrug immer noch, und über allem schwebt die mühsam erarbeitete Routine. Dafür ist das Pferd, auf dem man sitzt, auf einem Karussell montiert, das sich im Kreis dreht.

Aufs Funktionieren ausgerichtet - ohne Pause

Alles war doch einigermaßen geordnet und aufs Funktionieren ausgerichtet. Im letzten Jahr ein neues Buch, in diesem das lang ersehnte Kolumnenbuch, ein Buch verfilmt und Einladungen zu Diskussionsrunden, bei denen ich als positives Beispiel für Integration, Gegenbild zu Klischees und Vorurteilen oder als Quotentürkin meine Ansichten zum Besten geben durfte. Das Pferd steckt nicht in meiner Lasagne, die mir der Edelitaliener auf übergroßem Teller beim Vorgespräch zur nächsten Fernsehsendung serviert, auch nicht bei der Lesung im Sauerland, für die ich einen Tag Anreise, einen Tag Rückreise habe, um für den Tag, an dem ich lese, bezahlt zu werden. Das tote Pferd steckt in der Gewöhnung, widerstandslos anzunehmen, was das Schicksal einem gerade so anbietet.

96 Ortsteile, 96 Bilder, 100 Prozent Berlin
Neukölln, Ortsteil Neukölln. Große Güte, was sollen wir denn noch schreiben über Neukölln? Ach, zeigen wir lieber die besten Bilder aus dem hippen/dreckigen/juten, alten Neukölln (je nach Alter und Herkunft).Und stellen zwei knifflige Fragen: In welchem Ortsteil steht das Karstadt am Neuköllner Hermannplatz? Genau, in Kreuzberg (der Bürgersteig ist die Grenze, das überragende Dach gehört zu Neukölln). Und wer sind die beiden Figuren in der Mitte? Das "tanzende Pärchen" steht dort seit den 80ern, erschaffen wurde es von Joachim Schmettau und drehte sich früher sogar mal. Moment: Joachim Schmettau ... Schmettau? Ja, genau, das ist auch der Mann vom markanten Wasserklops am Europa-Center. Foto: Kitty Kleist-HeinrichWeitere Bilder anzeigen
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14.01.2016 08:38Neukölln, Ortsteil Neukölln. Große Güte, was sollen wir denn noch schreiben über Neukölln? Ach, zeigen wir lieber die besten...

Haben Frauen auch eine Midlife-Crisis? Normalerweise war es doch so, dass Frauen so derart viel um die Ohren haben, dass für eine Sinnkrise kaum Zeit bleibt. Mein kritischer Freund, der einzige Mensch, der mich niedermachen darf, hat seine Pferdefrage für sich bereits entschieden. Nachdem seine Karriere jäh abgebrochen wurde, musste er schnell einsehen, dass Verlierer mit keinem Beistand rechnen können. Er lebt auf allerkleinster Flamme, macht nur noch das, was er will. Nicht reich, nicht mal solvent, aber frei, unabhängig und irgendwie glücklich.

Keine Schande, nicht zu wissen, eine Schande, nicht zu fragen

Ich bin aber mehr der bodenständige Typ. Als Mutter kann ich mir den Luxus für Experimente und regelmäßige Neuanfänge sowieso nicht leisten. Aber genau genommen sollte ich mir doch einmal Gedanken darüber machen, ob das Etikett, das an mir klebt, um im Regal der Möglichkeiten gefunden zu werden, auch dem entspricht, was ich selbst für mich und mein restliches Leben will. Wenn man an einem Punkt angekommen ist, an dem man das Geschehene überschaut, aber trotz aller Bemühungen kaum beeinflussen kann, und darüber hinaus feststellt, dass vieles, was man kann, nicht gefragt ist und vieles, was man noch gerne lernen würde, so nicht lernen wird, ist es Zeit, sich neu auszurichten. Oder wie mein Vater sagen würde: „Bilmemek ayip degil, ögrenmemek ayiptir.“ Keine Schande, nicht zu wissen, eine Schande, nicht zu fragen.

Hatice Akyün ist in Anatolien geboren, in Duisburg aufgewachsen und in Berlin zu Hause. An dieser Stelle schreibt sie immer montags über ihre Heimat.

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