Kolumne "Meine Heimat" : Friede den Sowjet-Panzern

Berlin diskutiert, ob die sowjetischen Panzer am Ehrenmal im Tiergarten nicht besser wegsollen. Unsere Kolumnistin Hatice Akyün findet sie auch merkwürdig, sieht aber keinen Grund für eine Demontage.

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Nur wenige Meter vor dem Brandenburger Tor, auf der Straße des 17. Juni, befindet sich das Ehrenmahnmal.
Nur wenige Meter vor dem Brandenburger Tor, auf der Straße des 17. Juni, befindet sich das Ehrenmahnmal.Foto: dpa

Diese Woche hat es mich kalt erwischt. Ich gebe zu, dass ich bei einer Geschichtsfrage bei „Wer wird Millionär“ meinen Historikerfreund als Telefonjoker einsetzen müsste. Der Türkenhintergrund klebt als blinder Fleck auf meinem Blick in die deutsche Historie. Ich erinnere mich gut an meinen Geschichtslehrer, der sagte, ich wäre erst dann eine richtige Deutsche, wenn ich auch Verantwortung für die deutsche Vergangenheit übernehmen würde.

Nun diskutiert Berlin über die Panzer am Tiergarten, die mit populistischem Getöse vom sowjetischen Ehrenmal wegsollen, weil der Russe gewaltbereit und böse ist, mit einem Herrscher, der als Oberschurke die über Nacht geborene Musterdemokratie Ukraine bedroht.

Nun gut, ich sagte ja schon, dass ich im Geschichtsunterricht nie besonders positiv aufgefallen bin. Und zu Hause hatte ich keine Großeltern, die mir hätten erzählen können, was früher war. Aber gerade deswegen versuche ich, mich zu informieren, um dieses Gebräu zu verstehen: die Helfershelfer von Oligarchen auf der einen Seite, denen es egal war, wer nun an der Spitze des Staates die Ukraine für sich selbst auspresst; ein russischer Präsident auf der anderen Seite, der eiskalt das Machtvakuum nutzt. Und nach jeder Lektüre wird klar: So einfach gestrickt ist die Sache nicht.

Alte Feindbilder

Deutschland, das jetzt viel mehr Verantwortung in der Welt übernehmen will, sollte aber rechtzeitig den Grips benutzen, um festzustellen, wer da wen für welches alte Feindbild vor den Karren spannen will. Und nur am Rande erwähnt: Wenn Europa der Ukraine nicht das Blaue vom Himmel versprochen hätte, wäre die Krise nicht so, wie sie jetzt ist. Dass Europa unfähig ist, ohne den großen Bruder von Übersee politisch zu handeln, darf man ebenso wenig übersehen, wie das zweierlei Maß, das überall Anwendung findet. Weshalb bei uns niemand komplett Partei für die eine Seite ergreift. Aber was weiß denn schon die, die gerade mal eine halbe Generation lang Deutsche ist.

Die Panzer am Ehrenmal fand ich schon immer merkwürdig, seit ich in Berlin bin. Ich weiß von der Befreiung im Frühjahr 1945, vom Kriegsende und vom Selbstmord im Bunker. Was ich noch weiß, ist, dass in etwas mehr als zwei Wochen knapp 200 000 tote und 500 000 verwundete Soldaten zu beklagen waren, zehntausende Zivilisten tot waren oder vermisst wurden. In Treptow und Schönholz stehen die anderen beiden Ehrenmale und Grabstätten gefallener Soldaten. Zugegeben, meiner Vorstellung von Ästhetik entsprechen sie nicht – das müssen sie aber auch nicht. Sie erinnern in eigener Sprache daran, was Menschen Menschen antun können, wenn Hass regiert. Und daher nehme ich die Panzer am Tiergarten für das, für was sie stehen sollen: Die letzten Panzer der allerletzten Kampfhandlung. Sie erinnern uns an etwas, das nie wieder geschehen darf.

Gemeinsame Geschichte

Wenn wir ein Zeichen gegen Gewalt und für Frieden setzen wollen, sollte unsere Regierung die letzten lebenden Zwangsarbeiter und Kriegsgefangenen entschädigen. Ach, da geht es ums liebe Geld? Nein, es geht wie bei den Panzern auch um ein Zeichen, ein Zeichen der Wiedergutmachung. Und jenen, die mir reflexartig die Greuel der sowjetischen Soldaten aufrechnen wollen, möchte ich sagen: Das weiß ich. Nur manchmal kann man am besten überzeugen, indem man mit einem gutem Beispiel vorangeht.

Unser Land teilt viele Dinge mit dem Osten, besonders historisch. Um jetzt den Schiedsrichter zu spielen, stecken wir viel zu tief in der gemeinsamen Geschichte. Oder wie mein Vater sagen wurde: „Sütten agzi yanan, yogurdu üfleyerek yer.“ Wer sich den Mund mit heißer Milch verbrannt hat, pustet danach auch den Joghurt.

Hatice Akyün ist in Anatolien geboren, in Duisburg aufgewachsen und in Berlin zu Hause. An dieser Stelle schreibt sie über ihre Heimat.

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