Kolumne "Meine Heimat" : Herbstnörgelei greift wild um sich

Zwischen Sommerwallungen und Winterdepression ärgert sich Hatice Akyün momentan mit der Herbstnörgelei herum. Dönerstücke auf dem U-Bahnsitz, blockierte Rolltreppen oder Touris, die in Viererketten auf dem Gehweg rum stehen. Gemault wird immer und ein Impfstoff ist nicht in Sicht.

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Touristen mit Koffern sind häufig Verursacher von sich epidemisch ausbreitenden Gemaule.
Touristen mit Koffern sind häufig Verursacher von sich epidemisch ausbreitenden Gemaule.Foto: dpa

Meine Sommerwallungen sind nun merklich heruntergekühlt, und bevor es in die Winterdepression geht, gibt es noch ein kleines Zwischentief – die Herbstnörgelei. An jeder Ecke bekomme ich mit, wie sich Leute wegen Kleinigkeiten in die Wolle kriegen. Während ich noch darüber nachdenke, mich gegen Grippe impfen zu lassen, wäre eine Spritze gegen das sich epidemisch ausbreitende Gemaule zweckmäßiger. Leider bin ich dagegen auch nicht immun.

„Ische, hör uff mit dit Jeseiere“, schleudert mir der Berliner bestimmt jetzt entgegen. Dabei will ich mich gar nicht wutschnaubend entladen, sondern meine Mitmenschen höflich auf ihre Verhaltensweisen aufmerksam machen. Die Idee kam mir, als ich im Internet diese Seite sah, auf der essende Menschen in öffentlichen Verkehrsmitteln dokumentiert werden. Nichts gegen ein gemütliches Picknick im öffentlichen Raum, im Park beispielsweise, aber muss die Süßsauer-Soße der tropfenden Pappbox in der überfüllten U-Bahn auf meiner Jacke landen? Oder Dönerstücke auf die Sitzbank der S-Bahn?

Verzweiflung in der Bahn

Meine Mitfahrgäste möchte ich freundlich darüber in Kenntnis setzen, dass es strategisch sinnvoll ist, zuerst die Aussteigenden aussteigen zu lassen, bevor man einsteigt. So ersparen Sie sich und uns blaue Flecken, Beulen und schlechte Laune. Den Einsteigern möchte ich zusätzlich nahelegen, sich im Wageninneren dort zu platzieren, wo Platz ist. Das Verharren an Ort und Stelle ist vergebens, es kommt kein Platzanweiser, der Sie zum reservierten Sitz begleitet.

Hatice Akyün liest aus ihren Kolumnen
Tagesspiegel-Kolumnistin Hatice Akyün zu Gast im Tagesspiegel-Salon.Weitere Bilder anzeigen
1 von 11Foto: Kai-Uwe Heinrich
01.02.2013 13:58Tagesspiegel-Kolumnistin Hatice Akyün zu Gast im Tagesspiegel-Salon.

Die Bahn hat die Bahnsteige auch nicht so breit gebaut, damit jeder seinen Koffer quer zum Bahnsteig stellen kann. Wenn es sich jetzt noch herumsprechen würde, dass Koffer, die längs zum Bahnsteig gestellt werden, anderen Fahrgästen Platz zum Durchlaufen ließen, wäre das eine kleine Einsicht des Einzelnen, aber ein Riesenfortschritt für die Menschheit.

Das System der Rolltreppe funktioniert ebenfalls in jedem Winkel der Erde, nur nicht in Berlin. Ich erkläre es aber gerne noch einmal: Rechts STEHEN, links GEHEN. Der fabelhafte Trick dabei ist, dass man auch dann gemütlich stehen darf, wenn andere in Eile sind und vorbeikommen müssen. Das im Weg stehen bremst unnötig den Elan unserer Metropole.

Touristen und Mountainbiker

Apropos Metropole: Liebe Touristen, bitte vermeiden Sie, in einer Viererkette über den Gehweg zu laufen. Bleiben Sie bitte auch nicht abrupt stehen, so dass uns der Rucksack ins Gesicht knallt. Wir verstehen, dass Sie vom Flair unserer Stadt beeindruckt sind, aber müssen Sie komplett ignorant gegen Einwohner mit Pflichten sein? Berlin hat nicht nur eine Verpackung, sondern auch Inhalt – nämlich uns.

Meine Lieblinge sind jedoch die Mountainbiker mit ihren Riesenkopfhörern. Ich bewundere ihre filigraneUmfahrung anderer Verkehrsteilnehmer in Schallgeschwindigkeit. Dass sie im Dunkeln ohne Licht sehen können, macht mich neidisch. Aber ich sorge mich um sie. Hoffentlich haben sie einen Organspendeausweis. Oder wie mein Vater sagen würde: „Can cikar, huy cikmaz.“ Das Leben geht vorüber, die Gewohnheit nicht.

Hatice Akyün ist in Anatolien geboren, in Duisburg aufgewachsen und in Berlin zu Hause. An dieser Stelle schreibt sie immer montags über ihre Heimat.

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