Kolumne "Menschenmuseum" : Happy Mahnmal

Ein völlig zermürbter Dirk Gieselmann fleht: Reißt die Trödelhöllen nieder!

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"Wir sollten darüber sprechen, was entfernt werden muss: Touristenfallen, Bratwurstbuden, Heizpilzwälder, Trabisafariagenturen, Pelzmützenstände, all die hingekotzten Trödelhöllen."
"Wir sollten darüber sprechen, was entfernt werden muss: Touristenfallen, Bratwurstbuden, Heizpilzwälder, Trabisafariagenturen,...Foto: Dirk Gieselmann

Architektur, sagte Schopenhauer, sei gefrorene Musik. Wer dessen eingedenk durch Berlin spazieren geht, der sieht die Gebäude nicht nur, er hört sie auch.

Er hört nicht nur Schönes.

Aus den roten Mauern des Einkaufszentrums Alexa etwa ertönt ein Duett von Frank Zander und den Einstürzenden Neubauten. Hinter der Fassade des neuen Stadtschlosses spielt ein barockbegeisterter Sachbearbeiter Händel auf der Nasenflöte nach. An den Townhouses am Hausvogteiplatz vernimmt der Spaziergänger schließlich das Brummen eines smarten Kühlschranks.

Und es drängt sich ihm der Gedanke auf: Diese gefrorene Musik Berlins möchte er lieber nicht als CD gebrannt bekommen. Er würde sie wohl in einem unbemerkten Augenblick mit dem Geschenkpapier in den Mülleimer gleiten lassen.

Um 14 Uhr schlägt die fröhliche Stunde

Was der in die Gebäude hinein lauschende Spaziergänger allzu selten hört, ist urbane Stille. Das ferne Rauschen des unendlichen Verkehrs, das geheimnisvolle Murmeln von Mantelträgern, den sporadischen Trittschall auf den Gehwegplatten, das Aufflattern grauer Vögel. Die elegante Diskretion der Gebäude, die Zurückgezogenheit der Stadt hinter einem Vorhang.

Leider auch dort nicht, wo diese Stille das einzige Geräusch sein müsste.

Entlang der Gertrud-Kolmar-Straße in Mitte stehen Wohncontainer in einem länglichen Pulk wie eine Gang von Kleinkriminellen. Darin sind Imbisse und provisorische Kneipen untergebracht, davor fischen vierschrötige Kellner mit ausgebreiteten Speisekarten nach Kundschaft. In einem Lokal schlägt um 14 Uhr die fröhliche Stunde: Happy Hour. Es gibt alkoholische Getränke zum halben Preis, Touristen saugen an den Strohhalmen, als wären sie bizarre Vögel an einer Wasserstelle.

Das Holocaust-Mahnmal
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1 von 14Foto: ddp (ddp)
05.05.2010 21:20Am 10. Mai vor zwei Jahren wurde das Holocaust-Mahnmal eingeweiht. In der Mitte Berlins ist es zu einer weiteren Sehenswürdigkeit...

Für die, die Architektur nicht hören können, wird die Musik eingespielt: Aus den Lautsprechern glibbert „Sunshine Reggae“. Das Ensemble sieht aus, wie es klingt, und es klingt, wie es aussieht. Aggressiver kann schlechter Geschmack kaum sein.

Das wäre als eine ästhetische Penetranz von vielen nicht der Rede wert, wenn sie sich an einer Kartrennbahn in der Vorstadt befände. Doch auf der anderen Seite der Gertrud-Kolmar-Straße steht das Holocaust-Mahnmal. Das Denkmal für die ermordeten Juden Europas.

Eine neue Diskussion über die Architektur dieser Stadt

Über diesen Ort wehen also akustische und optische Signale, die die Stille, die hier herrschen müsste, übertönen und übertünchen. Das Ballermannhafte der Happy-Hour-Container durchdringt und korrumpiert die Würde des Mahnmals. Zu welchen Handlungen diese Interferenz die Besucher offenbar verleitet, ist in der Hausordnung dokumentiert: „Es ist verboten, von Stele zu Stele zu springen.“

Der Spaziergänger steht nun schlaff und entmutigt auf dem Gehsteig dazwischen. Nein, er möchte keinen süßlichen Cocktail zum halben Preis auf der einen Straßenseite trinken, und auf der anderen möchte er nicht verkrampft Andacht halten, wo sie ihm verunmöglicht wird. Er sieht eine Junggesellengruppe auf einem Bierbike vorüberfahren, johlend und unsagbar töricht. Und er wünscht sich mit letzter Kraft eine neue Diskussion über die Architektur dieser Stadt.

Wir sollten nicht nur darüber sprechen, was gebaut wird. Wir sollten auch darüber sprechen, was entfernt werden muss: Touristenfallen, Bratwurstbuden, Heizpilzwälder, Trabisafariagenturen, Pelzmützenstände, all die hingekotzten Trödelhöllen.

Und nennen wir die dann wieder wohltuend leeren Grundstücke bitte nicht Brachen, wie es ein nach Profit gierender Investor täte, der dort bald schon das Nächstschlimmere entstehen ließe. Nennen wir sie Pausen, wie in der Musik. Pausen, in denen etwas ausklingen kann. Ausatmen. Und dann wieder Luft holen für das Kommende.

Die Stadt und ihre Menschen brauchen sie.

Dirk Gieselmann, 1978 in Diepholz bei Bremen geboren, ist Träger des Henri-Nannen- und des Deutschen Reporterpreises. Sein Text ist gedruckt in unserem Magazin "Tagesspiegel Berliner" erschienen, das Sie hier kostenlos online lesen und herunterladen können.

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