Kolumne: Von TISCH zu TISCH : Weingeist

Hackbraten vom Hirsch

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Berlin ist voller kollektiver Wohnzimmer. Während sich mit dem aufblühenden Frühling die Ureinwohner der Stadt in Brandenburgs Ausflugslokalen drängen, erobern sich Gäste von außerhalb diese gemütlichen Refugien. Das Restaurant „Weingeist“ ist da eine idealtypische Anlaufstelle. Erstens wird Essen und Wein aus Deutschland geboten, wonach gerade ausländische Besucher oft suchen. Zweitens ist hier nichts überkandidelt oder verkrampft originell. Und drittens atmet das Ambiente etwas berlinischen Geist. Dazu gehören die braunen Bänke und die schlichten blanken Tische ebenso wie die frischen Blumen in modernen Vasen, die weißen Stoffservietten und die kleinen Windlichter. Es ist behaglich, aber unprätentiös. Neben der Bar hängen Zeitschriften für die Single-Besucher. Auf einer Schiefertafel sind mit Kreide die drei Höhepunkte des Tages aufgelistet. Die Karte ist vertrauenerweckend klein, es handelt sich hier offenkundig um einen Zwei-Leute-Betrieb.

Der Mann steht am Herd und bringt seine Kreationen gern auch selbst an den Tisch. Die freundliche Frau kümmert sich um Bestellungen, Getränke, die Werbung fürs literarische Kulturprogramm und die Pflege der hauseigenen E-Mail-Adresskartei. Zum kühl schäumenden, sauberen, herben Winzersekt (3,80 Euro) serviert sie Weißbrot und Kräuterquark. Nein, sagt sie, das Fleisch sei nicht bio, aber sie hätten einen sehr guten Fleischlieferanten. An dieser Stelle ist freilich ein Einspruch nötig. Während es richtig ist, auf Firlefanz und Getue zu verzichten, sollte man nicht an den Produkten sparen.

Das Tagesprogramm verspricht Karottensuppe und Hackbraten vom Hirsch und als Nachtisch Waffel mit Eis und Sahne. Wir halten uns zunächst ans Standardprogramm. Die fruchtige, tiefrote Tomatensuppe birgt in sich eine halbe Kugel Crème fraîche und ist mit reichlich frischer Kresse bestreut, was einen hausgemachten Charme erzeugt, der gut zur Wohnzimmeratmosphäre passt (4,80 Euro). Die heißen Feigen im Speckmantel sind rings um einen grünen Salat garniert, wirken etwas wuchtiger mit ihrer klebrigen Süße und eignen sich so auch als Naschwerk zum Wein, wenn man nur mal nach dem Kino vorbeischaut (6,90 Euro). Der auf der Haut gebratene Zander war gut gelungen, ein großes Stück, saftig und zart, aromatisch angerichtet mit malerischen Rosmarinzweigen. Dazu gab es gut gewürzte Zucchini, Cherrytomaten und außerdem bissfeste Schwenkkartoffeln (14,50 Euro).

Beim nächsten Gericht enttäuschte der Fleischpart. Zwei dicke Blutwürste, jeweils halbiert, hielten nicht ganz das, was sich meine Vorstellung davon erhofft hatte, weder vom Geschmack her noch von der Konsistenz. Hier könnte es sich als richtig erweisen, noch mehr auf die Qualität des Ausgangsprodukts zu achten, das Gericht im Zweifel lieber ein bisschen teurer zu machen. Gerade bei einem kleinen, klassischen Programm fallen Geschmacksnuancen besonders ins Gewicht. Die Beilagen hatten freilich genau den richtigen Geschmack. Das kräftige helle Sauerkraut war von vielen Speckwürfeln durchsetzt und sehr gut, das Kartoffelpüree ebenfalls richtig gelungen (9,90 Euro). Komplimente durfte der Koch sich auch an den Nachbartischen abholen, an denen teils Schwäbisch, teils Englisch gesprochen und mit Hingabe Wiener Schnitzel verzehrt wurde.

Zum Nachtisch lockte uns das Angebot der frisch gebackenen Waffel. Obwohl wir sie eigentlich pur wollten, kam sie mit den annoncierten Extras Eis und Sahne, die beide nicht umwerfend waren. Die Waffel selbst aber war richtig lecker, aus jenem Teig gebacken, der Kindergeburtstagen ein Krönchen aufsetzt. Ein selbst gemachtes Kompott dazu hätte sie am besten in Szene gesetzt (4,50 Euro).

Auch die Weinkarte ist nicht groß, lässt aber darauf schließen, dass die Betreiber gute Kontakte zu den Winzern pflegen und entsprechend sorgfältig behandelt werden. Sehr gut gefiel uns der leichte Spätburgunder von Heger aus Ihringen, den es auch offen gibt (0,5 l = 11,50 Euro). Der ist jedenfalls gut geeignet, Gäste aus dem Ausland zu überzeugen, dass deutsche Rotweine sehr viel besser sein können als ihr Ruf.

Weingeist, Wielandstraße 38, Charlottenburg, Tel. 318 031 03, geöffnet täglich außer sonntags ab 12 Uhr.

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