Kolumne: Was macht die Familie? : Den Rockzipfel loslassen

Irgendwann gehen Kinder auf Distanz zu ihren Eltern. Gut so, findet der Vater. Ein bisschen Abstand zwischen den Generationen kann nicht schaden.

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Voll peinlich. Erwachsene führen sich immer länger im Leben kindisch auf, einige wie Sänger Cro tragen sogar Tiermasken.
Voll peinlich. Erwachsene führen sich immer länger im Leben kindisch auf, einige wie Sänger Cro tragen sogar Tiermasken.Foto: dpa

Unsere Töchter sind bald zehn und 14 Jahre alt – sie kommen jetzt weitgehend ohne Begleitschutz klar. Unsere Anwesenheit als Eltern ist nicht mehr so gefragt. Manchmal kommen die Mädchen später nach Hause als erwartet. Auf dem Fahrrad hören sie das Handy nicht. Dann stehst du am Fenster und schaust hinaus. Wo bleiben sie denn? Ich spüre einen Phantomschmerz, ungefähr in Höhe des Rockzipfels, an dem sie früher ständig hingen.

Auch als Chauffeur für das Eltern-Taxi werde ich kaum noch gebraucht. Neuerdings fahren die beiden gemeinsam zur selben Schule. Ich könnte mir eine Drohne anschaffen, um sie zu überwachen. Oder eine Tracking-App, wie sie Helikopter-Eltern benutzen, um die Geoposition ihrer Kinder ständig auf dem Schirm zu haben. So etwas kommt natürlich nicht ernsthaft infrage. Wenn ich so eine App hätte, würde ich den richtigen Zeitpunkt verpassen, sie wieder abzuschalten.

Wann sollte die Überwachung enden? Beim ersten Date? Nach dem Abitur? Vor der Hochzeitsnacht? Die Versuchung, länger dranzubleiben, wäre zu groß.

Als Vater musst du lernen, ohne die Kinder klarzukommen

Du musst als Vater lernen, selbstständig zu werden. Lernen, auch ohne die Kinder was mit dir anzufangen. Diese Ruhe im Haus. Unheimlich. Ich schaue mal aus dem Fenster. Sie müssten längst da sein.

Wenn ich mich mit den Augen meiner ältesten Tochter sehen könnte, wie ich hier stehe und aus dem Fenster schaue, wäre ich mir voll peinlich. Zurzeit falle ich bei meiner Ältesten oft unangenehm auf. „Das ist so peinlich, dass du vor dem Eingang zur Schule so laut Tschüs rufst.“ „Bitte, hör auf zu tanzen.“ „Du siehst aus wie ein Spießer.“ Sie leidet nicht sehr darunter, dass unsere gemeinsamen öffentlichen Auftritte seltener werden.

Letztes Wochenende war sie mit ihrer Freundin shoppen. Sie haben sich Tierkostüme gekauft. Eine Nachbarin sah sie als Eule und Bär verkleidet vor der Eisdiele sitzen. Da war ich zur Abwechslung froh, nicht dabei gewesen zu sein.

Genießen wir den kurzen Generationenkonflikt, bevor wir uns wieder in den Armen liegen. Im Großen und Ganzen haben sich die Differenzen zwischen Alt und Jung aufgelöst. Von 18 bis 80 sind wir mittlerweile alle in ewiger Jugend vereint. Kinder haben es heute verdammt schwer, gesunde Distanz zu ihren Eltern aufzubauen – der Altersunterschied, der durchschnittlich größer ist als früher, wird durch Konsens und Anti-Aging ausgeglichen. Punk ist tot, Baby. Zum Glück gibt es noch die Pubertät.

 

Eltern können ihre Kinder zum Beispiel mit dem GPS-Sender „Wo ist Lilly?“ überwachen. Peinlich findet das der Deutsche Kinderschutzbund: Die Totalüberwachung verbreite bei Kindern „eine Atmosphäre der Angst“, statt ihr Selbstbewusstsein und ihre Eigenverantwortung zu fördern.

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