Berlin : Komische Vögel

Warum das Bezirksamt Mitte den Papagei eines Lokalbesitzers einsperrt

Stefan Jacobs

Im ARD-Hauptstadtstudio nahe dem Reichstag befindet sich seit 1999 das Restaurant „Die Eins“, in dessen Ecke hinten links der größte im Handel erhältliche Käfig und darin Lucy. „Dem Beteiligten unter Verfügungsverbot überlassen“, vulgo Stubenarrest, verordnet vom Bezirksamt Mitte, Abteilung Stadtentwicklung, Amt für Umwelt und Natur, gemäß §47 i.V.m. §49 Abs. 4 BNatSchG, Verstöße sind bußgeldbewehrt. Restaurantbesitzer Gerhard Buch als Lucys gesetzlicher Vertreter hat es schriftlich, inklusive Rechtsbehelfsbelehrung.

Es war im Jahr 1977, also zur Zeit von Bundeskanzler Helmut Schmidt, als Gerhard Buch Lucy von einem Freund übernahm. Der hatte den Graupapagei von seiner Frau zur Hochzeit bekommen, die ihn wiederum aus einer Charlottenburger Zoohandlung hatte. Als die Ehe nach einem Jahr zerbrach, war Lucy vogelfrei. Die Jahre gingen ins Land, die Republik wurde wiedervereinigt, Landschaften er- und verblühten, Artenschutzgesetze wurden etabliert, modifiziert, harmonisiert.

So wurde Lucy vom Vogel zum melde- und kennzeichnungspflichtigen Exoten. Im Oktober hat irgendwer ihn anonym beim Amt angezeigt. Veterinäre kamen, protokollierten Missstände wie „künstliches Licht unter 200 Lux“ sowie „eine dünne Sandschicht mit vereinzelten Kothaufen und einige Blätter Ackersalat“. Buch schrieb zurück, dass er eine Tageslichtlampe kaufen und mit Lucy über den Dreck reden wolle und fragte, was „Ackersalat“ sei. Die Antwort steht noch aus.

Jetzt sitzt Lucy pfeifend in einem neuen, größeren Heim in der Nichtraucherzone und krallt sich um die „Naturzweige unterschiedlicher Durchmesser für Fußgymnastik“, die „zur Schonung der Fußgelenke dem Gewicht des Vogels federnd nachgeben“ – genau wie vom Amt verlangt. Ein Fußring mit Nummer ist bestellt. Sollte Lucy den nicht vertragen, wäre alternativ ein Chip unter der Haut oder – in begründeten Ausnahmefällen – ein „Pedigramm“ denkbar, also ein biometrischer Pass mit Fußabdruck. Wenn das geregelt und Veterinäramt sowie die ebenfalls beteiligte Untere und Obere Naturschutzbehörde zugestimmt haben, könnte der Stubenarrest aufgehoben werden. Die entsprechende Anordnung hätte gerade noch Platz in dem hellblauen Aktenordner, in dem auch eine eidesstattliche Erklärung des vor 29 Jahren geschiedenen Freundes über Lucys Charlottenburger Herkunft abgeheftet ist.

Es könnte aber auch sein, dass das Amt den Papagei für generell nicht restauranttauglich befindet. Schon wegen der geforderten „etwa zehnstündigen Nachtruhe“, die zwar im Dschungel auch nicht immer eingehalten wird, aber dort auch nicht der Kontrolle des Bezirksamts Mitte unterliegt, das gestern nicht erreichbar war.

Gerhard Buch staunt immer wieder, wie intelligent Papageien sind. „So ein Kanarienvogel trällert sein Ding runter und fertig.“ Lucy aber läuft ihm bei offenem Käfig hinterher und antwortet auf ein in den Raum gerufenes „Tschüs“ von Gästen. „Da ist ansatzweise so was wie Konversation möglich“, sagt Buch. Vielleicht kann der Vogel seine Angelegenheiten eines Tages selbst regeln. Papageien können nämlich weit über 50 Jahre alt werden, und Buch ist auch schon 56.

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