Berlin : Kommandantur in Mitte: Ein kleines Schloss am Anfang der Linden

lom/C. v. L.

In der historischen Mitte wird eine weitere Lücke nach altem Vorbild geschlossen: Neben dem Kronprinzenpalais baut der Medienkonzern Bertelsmann die Kommandantur wieder auf. Der Kaufvertrag für das prominente Grundstück mit der Adresse "Unter den Linden 1" wurde vor wenigen Tagen unterzeichnet, seit gestern läuft der Architektenwettbewerb. Allerdings gibt es Gestaltungsspielraum nur für das Innere des Hauses - die Fassade des im Zweiten Weltkrieg zerstörten Gebäudes soll dem Original im Zustand von 1874 gleichen - so genau wie möglich.

Bereits Anfang nächsten Jahres soll eine Jury aus den Entwürfen auswählen. Manfred Harnischfeger, Bertelsmann-Kommunikationschef und von 2003 an Berliner Repräsentant, betonte allerdings gestern, dass die Entscheidung beim Unternehmen selbst liegt. Senatsbaudirektor Hans Stimmann, der den Aufbau der Kommandantur einst als "Lackmustest" für das Stadtschloss bezeichnet hatte, wiederholte am Montag seinen Wunsch, dass kein "Disneyland" entstehen möge. Mit anderen Worten: Die Hülle und der Inhalt sollten zueinander passen.

Bertelsmann plant, das Haus als Repäsentanz für die AG und die Stiftung zu nutzen. Zudem soll im Untergeschoss ein öffentliches Bistro für etwa 100 Gäste eingerichtet werden. Weiterhin sind Veranstaltungsräume vorgesehen, die als politische und kulturelle Begegnungsstätte zu nutzen sind.

Der Senat hatte vor einem Jahr entschieden, dass Bertelsmann das Gebäude wieder aufbauen darf. Das Angebot habe den kulturellen und städtebaulichen Erwartungen Berlins und des Bundes für diese repräsentativen Standort am deutlichsten entsprochen, hieß es. Man habe keinen Investor ausgewählt, der die Kommandantur als reines Anlageobjekt sehe. Dem Auswahlgremium gehörten auch Vertreter des Bundesfinanzministeriums, der Senatsverwaltungen für Bauen und Finanzen und des Bezirks Mitte an. Ein Teil des fast tausend Quadratmeter großen Grundstücks gehörte dem Bund, der andere dem Land. Der Kaufpreis betrug 12,7 Millionen Mark, insgesamt erwartet Bertelsmann Kosten von 40 Millionen Mark.

Der Zeitplan für den Aufbau ist ehrgeizig. Schon Anfang des nächsten Jahres wird demnach der Architekt ausgewählt, im März 2001 sollen die archäologischen Erkundungsgrabungen beginnen, der Baubeginn ist für den Spätsommer 2001 vorgesehen. Bertelsmann rechnet damit, das Gebäude Anfang 2003 beziehen zu können. Ursprünglich sollten die vorbereitenden Arbeiten bereits begonnen haben, aber es gab noch einige Unstimmigkeiten. Erst am vergangenen Donnerstag wurde der Kaufvertrag unterzeichnet. Jetzt muss noch die Denkmalschutzbehörde ihre Zustimmung dazu geben, das Denkmal "Freiherr von Stein" abzubauen, das erst nach dem Abriss des vom Krieg zerstörten Gebäudes hier aufgestellt wurde.

Das Kronprinzenpalais nebenan, ebenfalls im Krieg zerstört, war in den sechziger Jahren als Gästehaus des Ministerrates aufgebaut worden - allerdings sechs Meter näher an das Grundstück der Kommandantur heran. Der Gang zwischen beiden Häusern wird also enger.

Ein Brief von Bundeskanzler Gerhard Schröder an interessierte Investoren hatte Anfang vergangenen Jahres den Startschuss zum angestrebten Verkauf des Grundstücks gegeben. Die Intitiative wurde als Zeichen dafür gesehen, dass der Bundeskanzler, der sich durchaus ein Stadtschloss vorstellen kann, auch die Brache ringsum beseitigt sehen möchte. Die damalige Senatsbaudirektorin Barbara Jakubeit steuerte "Vorstudien" für die Wiederherstellung des Kommandantenhauses bei, alte Baupläne des Hauses sind vorhanden. Vor fünf Jahren hatte der Senat noch überlegt, das Grundstück für eine gemeinsame Landesvertretung von Berlin und Brandenburg zu nutzen.

Das Land Berlin kann vom Kaufvertrag übrigens noch zurücktreten - wenn Bertelsmann nicht innerhalb von zwei Jahren, von der Bebaubarkeit an gerechnet, das Gebäude in seinem äußeren Erscheinungsbild originalgetreu wieder hergestellt hat. Die Zeit drängt also.

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