Berlin : Kommen, sehen, siegen – Pflüger ist Neuköllner

CDU-Spitzenkandidat mit fast 100 Prozent gewählt. Zur Kampfkandidatur um Wahlkreis kam es nicht

Werner van Bebber

Als es drauf ankam, lief alles gut. Einmütig wählten die Delegierten der Neuköllner CDU Friedbert Pflüger zu ihrem Spitzenkandidaten bei der Wahl zum Abgeordnetenhaus. 91 von 92 Stimmen holte der Mann, dessen politische Heimat bislang Niedersachsen gewesen war, am Freitagabend. Nun ist er Nummer eins der Neuköllner CDU. Und auch als es am Sonnabendmittag um den Wahlkreis ging, in dem Pflüger antreten will, war von Konflikten und Kampfkandidaturen nichts mehr zu erkennen: Pflüger tritt dort an, wo der Kreisvorstand um Chefin Stefanie Vogelsang ihn haben wollte, im Neuköllner Wahlkreis 3 – Britz. Sabine Toepfer-Kataw, Britzer Ortsverbandsvorsitzende, ließ es nicht auf einen öffentlichen Krach ankommen. Sie verzichtete darauf, gegen Pflüger zu kandidieren.

Das nennt man politische Vernunft: Sabine Toepfer-Kataw, die lange im Abgeordnetenhaus gesessen hat und seit langem den Ortsverband leitet, mochte die neue Hoffnungsfreude ihrer Parteifreunde nicht trüben, indem sie dem neuen Hoffnungsträger Pflüger gleich zu Beginn von dessen Berliner Bemühungen das Leben schwer machte. Und es lohnte sich. Kreischefin Vogelsang höchstselbst, die die Parteifreunde im Berliner Süden einer warmherzig-strengen Königin gleich regiert, schlug Toepfer-Kataw am Sonnabendmittag für den sechsten Bezirkslistenplatz vor. Frauen, die nicht miteinander können, können einander gar nichts gönnen? Von wegen: Solide 64 Prozent der Delegierten stimmten der Versöhnung und der Kandidatin zu. Toepfer-Kataw hat nun das, was sie will: eine Chance zur Rückkehr ins Abgeordnetenhaus.

Dass sie nichts gegen Pflüger hat, sondern beide sich sogar gut verstehen, konnte jeder sehen. Immer mal wieder redeten die beiden miteinander. Toepfer-Kataw war anzusehen, dass ihr der Verzicht auf „ihren“ Wahlkreis schwer fiel. Und Pflüger war anzusehen, dass er mit ihr fühlte: kein Gegrinse, Freundlichkeit, Zugewandtheit. Pflüger gehört zu den Politikern, die zur Gewinnung ihrer Anhängerschaft nicht auf Machismo sondern auf Nettigkeit setzen. Er wirkt, als sei er frei von Arroganz. Er bitte, hatte er zu Sabine Toepfer-Kataw gesagt, „gerade auch Sie“ und „gerade auch die Freunde aus Britz“ um Unterstützung. Damit kam er bei den Neuköllnern an. Die wollen eine Tradition erneuern: Den Neuköllnern Richard von Weizsäcker und Eberhard Diepgen soll nun Pflüger folgen.

Der Kandidat wiederum hat längst erkannt, wozu sein Wahlkreis und seine Basis taugen: Hier, wo die Probleme sind, kann er zeigen, dass er sich nicht droben in der Bundespolitik bewegt, sondern die Leute auf der Straße gewinnen will. Mag sein, dass ihm noch die Parolen fehlen – an den Wänden des Versammlungsraums hingen Plakate mit Pflügers nett lächelndem Konterfei, seinem Namen und sonst nichts. Aber die Neuköllner Delegierten hat er trotzdem zu stürmischem Applaus gebracht. Wie hat ihnen das aber auch gefehlt in den langen Monaten der Kandidatensuche: dass einer vorne steht, der gewinnen will, der reden kann und Freude am Meinungskampf erkennen lässt. Seine Kandidatenrede dauerte eine halbe Stunde, es war alles drin, was das Publikum in Bewegung bringt. Neukölln sei wie ein Fokus der Berliner Probleme – Armut, Arbeitslosigkeit, die Gegensätze zwischen den Einheimischen und den Migranten. Und er – er lerne, sagte Pflüger, um dann gleich deutlich zu machen, dass er etwas von der Stadt versteht. 1981, als er als „kleiner Mitarbeiter“ bei Richard von Weizsäcker angefangen habe, sei die Stimmung auch so dunkel gewesen in Berlin. Weizsäcker habe gezeigt, dass man solche Stimmungen drehen kann. „Berlin kann mehr“, dürfte eine von Pflügers Parolen werden, die beizeiten auf den Plakaten steht.

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