Kommentar von Sabine Weißler : Meine Meinung zum Hermann-Ehlers-Platz

Dieser Ort wirkt traurig, ihm fehlt ein Zentrum. Nur die Spiegelwand tröstet.

Sabine Weißler
Foto: promo
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Hermann Ehlers war ein Hoffnungsträger der CDU nach dem Krieg. Er machte Karriere und wurde Bundestagspräsident. Dann starb er früh. Konrad Adenauer eilte von einer Amerikareise zu seiner Beerdigung. Eine traurige Geschichte. Dieser Platz ist ein bisschen wie er: irgendwie traurig und unvollendet. Er hat sich bis heute nicht entschieden, nur Lücke oder wirklich Platz zu sein. Ihm fehlt ein Zentrum, eine Gliederung. Begrenzt von einer uneinheitlichen Wohn-/Ladenbebauung an der nördlichen Seite, schließen sich nach Osten die S-Bahn und die Autobahn als Hochbautrasse an. Vom Platz aus schaut man auf die trostlosen Parkplätze unter der Trasse und auf die Brückenbauten, an denen das Schild eines Nachtclubs baumelt. Zum Süden schließt das Kreisel-Hochhaus mit seinem ausladenen Vorbau an. Im Westen steht das Rathaus Steglitz umfasst durch das architektonisch naiv-bieder geratene Einkaufzentrum „Das Schloss“. Der Platz steht also im Wesentlichen im Schatten der Verkehrsbauten, im Schatten des Kreisels, im Schatten des Einkaufszentrums. Der Markt belebt den Platz an drei Tagen in der Woche und am Sonntag ist Trödel. Dort gibt es Stände, die auch mal den Charité-Professor aus Mitte anlocken. Jugendliche sind auf dem Platz ungebetene Gäste: Für sie gibt es weit und breit keine Kneipe, keinen Club. Sie sitzen dort abends und nachts , sie sitzen auf den Rändern von Pflanzbecken, weil es auf dem ganzen Platz – mit Absicht? – keine Bänke mehr gibt. Alle abgebaut, bis auf eine. Der Nachschub für die Party kommt von Edeka im Kreisel, der bis 24 Uhr geöffnet hat. Er ist das Nachtleben. In den Achtzigern gab es Kunst, die vom Tiefbauamt auf den Müll befördert wurde, als einer der vielen Umgestaltungsversuche startete. Man baute Klinkerbecken als Brunnen, die wieder abgerissen wurden, es gibt einen geschmacklosen, tümelnden Wegweiser, der in Richtung der diversen Partnergemeinden weist. In das Pflaster des Platzes sind die Wappen der drei Ortsteile Lankwitz, Steglitz und Lichterfelde eingelassen. Neben einem Baum steht ein zweckfreier Poller, der nichts versperrt und nichts sichert. Außerhalb der Markttage betrete ich den Platz nicht einmal um einen Weg abzukürzen. Ich laufe um ihn herum. Ich weiß noch nicht einmal wohin ich mich stellen würde, um ihn zu übersehen. Er macht mich ratlos.

Aber es gibt die Spiegelwand. Sie erinnert an die ermordeten Steglitzer Juden und musste gegen den erbitterten Widerstand von CDU, FDP und rechtsradikalen Republikanern durchgesetzt werden. Dort liegen immer Blumen, dorthin kommen Besucher, die Spiegelwand beseelt den charakterlosen Ort. Sie ist der Grund, warum ich mich manchmal zum Hermann-Ehlers-Platz begebe und in diesem architektonischen, politischen und akustischen Getöse irgendwie Ruhe finde.

- Sabine Weißler war zehn Jahre Kultur- und weitere zehn Jahre Kultur- und Bibliotheksamtsleiterin von Steglitz-Zehlendorf. 15 Jahre davon hatte sie ihren Schreibtisch am Hermann-Ehlers-Platz.

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