Kommentar zur Zentral- und Landesbibliothek : Bücher zu Schmiermitteln!

Wer braucht noch Bibliotheken? Das fragen sich nicht nur eingefleischte Internetnutzer. Derweil plant Berlin weiter. Die ZLB wird ein teurer Prachtbau. Der Zweck, den Büchereien heute haben können, gerät dabei aus dem Blick.

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Alle Entwürfe für den Bau der Zentral- und Landesbibliothek (ZLB) werden derzeit auf dem Gelände des ehemaligen Flughafen Tempelhof in Berlin noch bis zum 28. Februar 2014 im Transitgang A1 (Eingang über GAT-Bereich) ausgestellt. Wir zeigen Ihnen alle!Weitere Bilder anzeigen
Foto: Kitty Kleist-Heinrich
20.02.2014 15:51Alle Entwürfe für den Bau der Zentral- und Landesbibliothek (ZLB) werden derzeit auf dem Gelände des ehemaligen Flughafen...

270 Millionen Euro sollte der Neubau der Zentral- und Landesbibliothek (ZLB) ursprünglich kosten, so haben es die Koalitionäre des Berliner Senats beschlossen, wenn auch unter hörbarem Zähneknirschen des Juniorpartners CDU. Schließlich wusste jeder, dass die ZLB am Rande des Flughafens Tempelhof das Denkmal der Ära Wowereit und dessen Geschenk an seinen politischen Heimatbezirk werden sollte. Inzwischen aber räumte Senatsbaudirektorin Regula Lüscher eine Steigerung der Baukosten auf über 300 Millionen Euro ein. Die üblichen Indexsteigerungen eingerechnet, könnte die Summe bis zum avisierten Fertigstellungstermin 2021 noch deutlich ansteigen, und sollte Klaus Wowereit unterwegs noch ein paar Änderungswünsche äußern, liegt auch eine Summe von über 400 Millionen Euro im Bereich des Möglichen.

Da fragen sich denn nicht nur eingefleischte Internetuser, ob das noch eine angemessene Investition für physische Informationsträger wie Bücher, CDs und Ähnliches sei. Die Öffentliche Bibliothek Amsterdam, stets als Vorbild für modernes Büchereiwesen angeführt, kam mit 90 Millionen Euro für ein achtgeschossiges Gebäude nahe beim Hauptbahnhof aus, die neue Stadtbücherei Stuttgart, ausgezeichnet als „Bibliothek des Jahres 2013“, für ihren ebenso spektakulären Neubau mit 80 Millionen Euro.

Natürlich kann eine Zentralbibliothek auch in Tempelhof funktionieren, mag auch die Verteidigung dieses eher dezentralen und wenig kostengünstigen Standorts etwas von „Augen zu und durch“ haben. Die Alternative, am bewährten Ort der Amerika-Gedenkbibliothek beim U-Bahnhof Hallesches Tor Erweiterungen zu schaffen, wie vor 1989 bereits zu einem Architekturwettbewerb gediehen, ist leidlich aus dem Blick geraten. Und über einen Bau auf der tristen Grünanlage gegenüber dem künftigen Humboldt-Forum ist noch gar nicht recht diskutiert worden. Ein Standort, der der touristischen Übernutzung der historischen Stadtmitte ein lokales Berliner Gegengewicht an die Seite stellen würde.

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