Berlin : Kommissar Kabul

Neun Monate lang half Siegried Schulz in der afghanischen Hauptstadt beim Neuaufbau der Polizei

Constance Frey

Basdor f. Sein erster Eindruck von Kabul: der Verkehr. Ein lärmendes, chaotisches Durcheinander. „Das kann ich nicht beschreiben. Wenn ich in Berlin so fahren würde, würden die anderen noch vier Tage später an der Kreuzung stehen, weil sie nicht in der Lage wären, das Knäuel wieder zu entwirren. In Afghanistan steht man, schimpft und fährt lachend wieder auseinander.“ Der Brandenburger Kriminalhauptkommissar Siegfried Schulz konnte anfangs gar nicht glauben, was da auf den Straßen unterwegs war: sechsjährige Jungen mit riesigen Handwagen neben großen Geländewagen – und Fußgänger, die überqueren, ohne zu gucken. Größere Unfälle sind dennoch selten. „Wenn’s aber kracht, dann richtig, weil zwei Autos aufeinander zufahren, nach dem Motto: Einer wird schon ausweichen.“

Nach neun Monaten in der afghanischen Hauptstadt ist Schulz zurück in der Heimat. Der 57-Jährige, ein Lehrer an der Polizeifachhochschule in Basdorf, ist einer von 72 Brandenburger Polizisten, die für Auslandseinsätze qualifiziert sind. Acht sind gegenwärtig im Kosovo, vier in Bosnien im Einsatz. Anfang des Jahres wird Schulz’ Nachfolger nach Kabul fliegen und dessen Arbeit fortsetzen: Mit zwölf deutschen und einigen französischen und britischen Kollegen im Internationalen Projektbüro helfen, die Polizei des Landes von Grund auf neu aufzubauen. Organisationsstrukturen müssen festgelegt, Personal gefunden, Dienststellen eingerichtet und technisch ausgerüstet werden – „da fehlt alles“. Auf Wunsch der Kabuler Übergangsregierung hat Deutschland den Wiederaufbau der Polizei federführend übernommen. Schon früher – bis 1978 – waren afghanische Polizisten in Deutschland geschult worden. Das hat Spuren hinterlassen: „Police Alemania – deutsche Polizei – hat heute noch einen guten Klang.“ Und auch heute wieder ist Ausbildung eine der wichtigsten Aufgaben: „Man trifft dort Polizeikommandeure, die als Mudjaheddin gekämpft haben. Die haben von Polizeiarbeit keine Ahnung. Aber wenn sie mit den Finger schnippen, haben sie so und so viele Polizisten unter Waffen. Und ihr zweiter Mann hat zum Beispiel ein Studium in Betriebswirtschaft mit summa cum laude bestanden.“

Der Arbeitstag begann für Schulz um 7.30 Uhr. Bei der Besprechung ging es oft erstmal darum, wer welches Auto bekommt. Allein durften die Polizisten das Haus nicht verlassen, es fuhren immer zwei Personen in einem Wagen. Schulz traf sich mit einheimischen Polizeibeamten, Militär, Diplomaten, besprach die Hierarchie in einer Polizeieinheit und hielt Rücksprache mit Deutschland. Die Verständigung im Land lief auf deutsch, englisch – oder norwegisch, denn Siegfried Schulz ist gebürtiger Norweger.

Das beim Bundeswehrstützpunkt angemeldete Handy musste dabei immer auf Empfang sein, um im Fall eines Unglücks oder Anschlags Hilfe holen zu können. Und so klingelte es denn auch öfter mal am Freitag, dem einzigen dienstfreien Tag der Woche – weil nicht alle die Kollegen im Berliner Innenministerium wussten, dass man im muslimischen Afghanistan nach dem mittäglichen Hauptgebet nicht arbeitet.

Unsicher allerdings hat sich Siegfried Schulz in Kabul nie gefühlt, auch wenn es oft Attentatswarnungen gab, 500 Meter vom Haus entfernt eine Rakete einschlug und die amerikanische Botschaft nur einige Blocks weiter lag. „Wenn man dieses subjektive Sicherheitsgefühl nicht hat, dann fährt man besser nach Hause.“ Dann würde schon das Teetrinken zum Problem. Zwar liefert die Bundeswehr den deutschen Polizisten Mineralwasser. „Aber wenn Sie bei Afghanen eingeladen sind – und nichts können die besser als Tee kochen –, dann trinken Sie Tee, der mit einem Wasser gemacht wird, das Sie sich besser nicht genau ansehen.“

Nach 23 Kriegsjahren ist nicht nur der Kabuler Stadtkern zerstört, auch in den Köpfen der Menschen ist der Krieg noch sehr präsent. Manche Vorstellungen der deutschen Politik hält Schulz inzwischen für illusorisch. „Es gibt vielleicht 700 000 junge Leute zwischen 15 und 30 Jahren, die noch voll unter Waffen stehen. Die sollen entwaffnet werden. Und man sagt ihnen, gebt eure Waffen her, ihr bekommt ein kleines Entgeld dafür. Wenn die ihre Waffen weggegeben haben, was machen die dann? Dann haben sie nichts mehr. Sie haben ihren Klan, ihre Armeeeinheit, in der die gedient haben. Das ist ihre Familie, da bekommen sie zu essen und zu trinken, auch wenn sie einmal kein Gehalt bekommen. Wie soll das weitergehen?“

Den ersten Kulturschock nach der Rückkehr hat Schulz auch schon erlebt. „Ich hatte 28 US-Dollar in der Tasche, die ich bei jedem afghanischen Händler gegen alle Währungen der Welt eintauschen kann. Ich gehe zu meiner Hausbank – und die ist nicht in der Lage, 28 Dollar bar in Euro umzutauschen. Ich habe gedacht, in welchem Land lebe ich eigentlich! Da haben die Afghanen ein bisschen mehr drauf.“ Ab Mitte Januar wird Siegfried Schulz wieder deutsche Polizisten ausbilden. Jetzt aber freut er sich erstmal auf ein richtiges deutsches Weihnachtsfest.

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