Berlin : Kommissar Knutschfleck

Der Dolby-Digital-Receiver war sein ganzer Stolz. Als Arne Bobic das Gerät in einem Hi-Fi-Geschäft kaufte, küsste er es vor Glück. Doch das gute Stück wurde gestohlen. Einige Zeit später sah er im selben Hifi-Geschäft einen Receiver mit sehr verdächtigen Spuren

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Arne Bobic hat zwei Leidenschaften. Beide fangen zufällig mit H an. Die eine heißt Hertha und springt einem ins Auge, kaum dass er die Wohnungstür aufmacht: Er trägt blauweiße Fankleidung. Deshalb hat er für diese Geschichte, nicht zufällig, dieses Pseudonym gewählt – Bobic und Friedrich sind seine beiden Lieblingsspieler, und wenn der Name Falko Götz fällt, zieht ein warmes Lächeln der Erleichterung über sein Gesicht. Alles wird gut mit dem neuen Trainer.

Die zweite Leidenschaft kann man in seinem Wohnzimmer hören. Sie heißt Hi-Fi, und mit der ging manches gar nicht gut und am 16. Januar 2002 alles voll in die Grütze. Damals war Arne Bobic knapp 30 und Sozialhilfeempfänger. Geboren im Westend-Krankenhaus, von da nach Kreuzberg, bis für Muttern da dann doch zu viel Krawalleria Rusticana war und sie mit ihm ins beschaulichere Lichtenrade zog. Schule war nicht so sein Ding, Lehre auch nicht. Und mit gerade mal Hauptschulabschluss und „nüscht jelernt“ kam man auch in den achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts nicht weit. Aber irgendwie kam er durch. Und irgendwie, wie weiß er heute auch nicht mehr, schaffte er es über die Jahre, sich die wichtigsten Komponenten seiner Hi-Fi-Leidenschaft zusammenzusparen. Digi-Dolby- DVD. „Kaum dass das in Deutschland aufkam“, erzählt er, „da waren erst fünf DVD-Filme raus.“  Er studierte Kataloge, streifte durch Elektronik-Märkte und horchte sich um, „was man so braucht und was man dafür ausgeben muss. Ich hab mir dann das Billigste rausgesucht und nach und nach geholt“. Mit jedem Teil, das dazukam, lebte er auf. Erst recht, als sich die DVD-Technik dann doch auch in Deutschland durchsetzte. „Ich hatte schon gedacht,  so was Blödes, jetzt hab ich das Zeug, aber der Stoff dazu kommt nicht!“

 Ende 2001 kann er sich endlich den lange umschwärmten, ausgespähten Receiver in seine kleine Höhle holen. Aus dem Elektronik-Markt seiner Wahl, ein paar hundert Meter entfernt. Einen „Dolby-Digital-Receiver mit Klangfeldprozessor im Bereich Dolby Digital 5:1“. Der macht richtigen Kinosound. Zwei kleine Lautsprecherboxen von hinten, eine Center-Box vorn auf dem Fernseher und je ein Satz große Lautsprecher rechts und links davon, und man hört sozusagen optisch, wenn ein Auto von links nach rechts fährt. Für richtige Action mit Explosionen ist extra noch ein Subwoofer da.

 Arne Bobic ist selig. Er fährt die Anlage voll aus, das geht in einem Weddinger Hinterhof schon mal, das machen andere Bewohner auch. „Das Gerät lief wunderbar, auch bei hoher Leistung. Ich war so stolz gewesen, dass ich einen Knutscher drauf gemacht hab.“ Mitten oben drauf. Arne Bobic ist auch stolz, „so ein Gerät besitzen zu können“. Er hat die 800 Euro zusammengekriegt. Auf ehrliche Weise. Ohne Dummheiten. Dummheiten hat er nur einmal gemacht. Mit seinem besten Kumpel zusammen, vor vielen Jahren. Dafür hat er eine Geldstrafe gekriegt, aber irgendwie nicht gepeilt, dass man so etwas tunlichst bezahlt. Da war sein Leben noch chaotisch. Also durfte er auch mal einen Kurzaufenthalt im „Hotel Staat“ absolvieren, während Muttern zähneknirschend die Strafe beglich. Er hat ihr nach und nach alles zurückgezahlt. Aber diese Lehre hat er gemacht. Ab da wurde er ein ordentlicher Mensch, ein ziemlich ordentlicher sogar. Einer, der sorgfältig Originalverpackungen aufhebt und Quittungen abheftet. „Schon zwecks der Garantie.“

Anfang 2002 kommt besagter alter Kumpel mal wieder bei ihm vorbei. Braucht vorübergehend Quartier, ist gerade mal wieder aus dem Knast. Und wie das so ist unter alten besten Kumpeln – man hat sich immer Asyl gewährt, man macht das selbstverständlich heute auch. Nur, die Höhle im vierten Stock  Hinterhaus ist gerade mal dreißig Quadratmeter groß. „Das war eine Einzimmerwohnung, man kommt in den Flur, links gleich die Küche.“  Man muss schon eine sehr ähnliche Wellenlänge haben, um es da miteinander auszuhalten.

Aber für Arne Bobic ist es ohnehin bloß eine Übergangswohnung. Er will möglichst bald mit seiner neuen Freundin zusammenziehen. In den Schuppen hier investiert er nichts, Geld hätte er sowieso nicht, aber auch keine Gefühle. Nicht mal eine Hausratversicherung. Das ist dumm, wie ihm bald schmerzhaft klar wird. Und auch wieder gut, wie sich noch etwas später zeigen soll.

Erstmal komplimentiert Arne Bobic den Kumpel raus. Und der lässt sich erstmal Zeit, den Wohnungsschlüssel zurückzubringen. Bobic geht damals regelmäßig arbeiten, Montag bis Freitag, acht bis zwölf. Den Job hat ihm das Sozialamt verpasst. Für ihn ist das in Ordnung. Nach getaner Arbeit freut man sich umso mehr auf seine geduldig zusammengetragene Hi-Fi-Anlage. Das tut er auch an diesem Mittwoch Mitte Januar. Aber an der Wohnungstür stutzt er. Er schließt die doch immer ab? Die ist unverschlossen. Ach, kann man ja auch mal vergessen, denkt er gutmütig und tritt ein. „Und dann hab ich erstmal einen Schreck bekommen. Die Küche war total durcheinander, ohne Ende. Schubladen rausgezogen, liegen gelassen.“ Er hält sich nicht mit der Küche auf, denn im Wohnzimmer steht – „nix mehr, alles weg bis auf ein paar Kabel. Persönliche Papiere lagen rum, sämtliche Ordner durcheinander, Klamotten, alles, was man so zu Hause hat, lag da rum“. Er rennt zur nächsten Telefonzelle und ruft 110.

 Er ist plötzlich in derselben ungemütlichen Situation wie 7786 andere Berliner im Jahr 2002. „Diebstahl unter erschwerenden Umständen in/aus Wohnungen“, wie es die §§243-244a Strafgesetzbuch definieren, ist ein alltägliches Delikt. In Berlin liegt die Aufklärungsquote seit zehn Jahren konstant zwischen knapp dreizehn und gut vierzehn Prozent, wie das Analysezentrums des Landeskriminalamts (LKA) dokumentiert. Die Einbrüche selbst allerdings haben im selben Zeitraum zwischen 1993 und 2003 – mit einem Ausreißer 1998 – konstant und rasant abgenommen: Von über fünfzehntausend Taten im Jahr 1993 auf sechseinhalbtausend 2003. Der Ausreißer 1998 hatte die Tatzahlen kurz um sechs Prozent (774 Fälle) hochgedrückt, aber im folgenden Jahr lag die Aufklärungsquote dafür bei über sechzehn Prozent.

Verglichen mit anderen deutschen Großstädten schneidet die ach so gefährliche Metropole ebenfalls ganz gut ab. In Köln, Frankfurt (Main), Hamburg oder Bremen wohnt es sich entschieden gefährlicher – in Köln zum Beispiel wird mehr als doppelt so oft eingebrochen. Sicherer sind nur München und Stuttgart. Und nur in München werden Wohnungseinbrüche häufiger aufgeklärt (zur Zeit etwa doppelt so oft). In Hamburg, Köln und Stuttgart dagegen ist die Aufklärungsquote in den letzten Jahren sogar gesunken.

 Aber jeder einzelne Fall ist ein schockierender Einschnitt ins Sicherheitsgefühl. Die eigenen vier Wände, ob provisorisch oder als Nest fürs Leben eingerichtet, sind ein Schutzraum. Da will man sich geborgen fühlen und die Kontrolle verlieren dürfen – sonst könnte man nicht schlafen.

 Arne Bobic ist am Abend dieses Tages nicht in seine Wohnung zurückgegangen, er ist bei seiner Freundin und deren Mutter untergekrochen. „Ich wusste ja nicht, wer war hier? Wie viele waren hier? Was haben die noch gemacht? Also, ich fühlte mich da absolut nicht mehr sicher.“ Bald danach finden sie eine gemeinsame Wohnung, in einer der vielen ganz aufgeräumten, lichten Ecken, die Wedding eben auch zu bieten hat.

 Wohnungseinbrüche werden fast ausschließlich in den örtlichen Direktionen bearbeitet, von einem Kommissariat der Inspektion Verbrechensbekämpfung (VB). Nur vermutbare stadtweite Serien mit hochorganisierter krimineller Energie übernimmt das Landeskriminalamt. Dafür gründet es notfalls eine Sonderkommission. Für Arne Bobics Alptraum gibt es keine SoKo. Im Gegenteil – erst einmal gerät er selbst in Verdacht. „Das war alles hochgradig merkwürdig. Es gab keine Einbruchsspuren, die Tatzeit wich vom Schema ab, das wir normalerweise anlegen“, erinnert sich Peter Völker, der die Anzeige damals auf seinen Schreibtisch bei der Direktion 1 bekam. „An diesem Fall stimmte eigentlich nichts.“ Für den damals 42-jährigen Kriminalhauptkommissar riecht das nach Schmu. „Das Einzige, was ihn davor bewahrt hat, selbst eine Anzeige wegen Vortäuschung einer Straftat und versuchten Betrugs zum Nachteil einer Versicherung zu kriegen, war, dass er überhaupt gar keine Versicherung hatte!“

 „Na ja, das war schon ein bisschen schockierend. Aber sie haben mir erklärt, sie möchten in alle Richtungen ermitteln.“ Damit ist das für ihn auch in Ordnung. Schlimmer ist sowieso der Verlust. Zwei-, dreitausend Euro hatten die gestohlenen Sachen ihn gekostet. „Alles hätten die mitnehmen können, aber nicht meine Anlage – damit hat man mich getroffen, absolut.“

 Peter Völker hat Anzeige und Tatortbericht vom Sofortbearbeitungsteam am nächsten Tag auf dem Tisch. Das Routineprogramm läuft an. „Wir sind im Haus rumgelaufen und haben gefragt: Hat jemand was gesehen?“ Ohne Ergebnis. Obwohl der Abtransport einiger, teilweise schwerer Teile gedauert haben muss und der Weg vom vierten Stock Hinterhaus bis zu einem vermutlichen Fahrzeug auf der Straße nicht gerade kurz ist. „Wir haben die Spurenauswertung abgewartet.“ Das kann schon mal zwei Wochen dauern. Nichts.

 Ungefähr zehn Tage später schlendert Arne Bobic wieder durch den Elektronik-Markt, in dem er seinen Receiver gekauft hatte. Gibt doch manchmal gute Angebote. Und dann – Auftritt „Kommissar Zufall“. Bobic entdeckt einen Stapel Kartons mit Receivern und oben drauf ein Ausstellungsstück. Genau seine Marke. Er sieht sich das Gerät an. Da sind zwei kleine Punkte auf dem Ein-Aus-Knopf. Komisch. Die hatte seiner auch. Fingerabdrücke. Eigentlich hatte er die mal wegwischen wollen. Dazu war er nicht mehr gekommen.

 Er sieht sich das Gerät genauer an. Wenn da jetzt hinten bei den Buchsen womöglich die eine Schutzkappe fehlt... Sie fehlt. Genau an dem Eingang, an dem er den DVD-Stecker hatte. Wenn kein Stecker drin ist, muss man die Kappe wieder draufsetzen, sonst kommt da Staub rein. Und apropos Staub – hinter der Vorderklappe ist für ein angeblich neues Gerät verdächtig viel Staub zu sehen. Verkaufen die hier Altgeräte als neu? Verkaufen die hier etwa sein Gerät? Er geht zum Verkäufer: Hat vielleicht zufällig in letzter Zeit jemand dieses Gerät an den Markt verkauft? Er hat die Anzeige mit seinen fehlenden Geräten dabei. Der Verkäufer bejaht. An und für sich habe man das nicht machen müssen, das Gerät sei über einen Monat alt gewesen, aber aus Kulanz... Woher er überhaupt wissen wolle, dass das seins sei?

 Jetzt fällt Arne Bobic noch ein eventuelles Erkennungszeichen ein: Der Knutschfleck! Vielleicht sieht man den auch noch? Man sieht.

 So landet auf dem Schreibtisch von KHK Völker in der Pankstraße eine zweite Anzeige zum selben Fall, der noch gar nicht ausermittelt ist. Diesmal vom Elektromarkt. Wegen Betrugs gegen Unbekannt. „Jetzt sah es für uns so aus, als könnte Herr Bobic das Ganze inszeniert haben, um an einen Receiver zu kommen. Wir hatten ja immer noch keine Einbruchspuren!“ Das Gerät wird beschlagnahmt, der kuriose Fall heißt bei VB nur noch „der geküsste Receiver“. Natürlich versuchen sie, auch das ist Routine, dessen Weg zurückzuverfolgen. Der Verkäufer kann sich an zwei Männer erinnern, die ihm das Gerät zurückgebracht hatten, originalverpackt und mit Quittung. Er findet auch den Rücknahmebeleg. Damit ist das Datum klar. Die Auswertung der Überwachungskamera-Videos ergibt Bilder. Und auf dem Rücknahmebeleg stehen tatsächlich existente Personalien. „Das Ermittlungsergebnis reichte für einen Durchsuchungsbeschluss“, erzählt Völker. „Wir haben die Wohnung durchsucht, die war auch in Wedding, und dabei festgestellt, dass er einen An- und Verkaufsladen hat, ganz woanders.“

 Jetzt ist dieser Trödler verdächtig. Er habe, sagt er aus, kurz nach dem Einbruch einige Hi-Fi-Teile von jemandem gekauft. Ein paar davon hatte er ordentlich durch die Bücher gehen lassen, den Receiver aber für sich privat gekauft. Der bringt mehr, wenn er ihn nicht verhökert, so originalverpackt, fast neu, Quittung dabei. Er gibt dem Mann 250 Euro und kassiert privat gut 700 Euro, abzüglich einer Bearbeitungsgebühr, vom Elektromarkt.

Die ordentlichen Bücher retten den Trödler und verraten den Einbrecher. Er hatte bei den anderen Geräte brav seinen korrekten Namen auf dem Verkausfbeleg angegeben. Es ist – Arne Bobics alter bester Kumpel. Die Beamten von VB vernehmen Bobic noch einmal. „Jetzt rollte sich das Ganze auf als ,Beziehungstat‘. Die kannten sich. Herr Bobic konnte schlüssig erklären, dass der Täter sich ein Duplikat des Schlüssels besorgt haben muss. Das erklärt die Tatortsituation. Er war ganz aktuell mit seinen Lebensumständen vertraut. Das erklärt die Tatzeit. Der Täter hatte zwar keine ladungsfähige Adresse, aber wir konnten den Fall abschließen.“

 Fingerabdrücke und Knutschfleck spielten dann keine Rolle mehr. „Die hätten nichts hergegeben, das Gerät stand im öffentlichen Raum, da hätte jeder anfassen können. Und es ist ja auch nicht verboten, einen Receiver zu küssen!“, sagt KHK Völker und lacht. Vor allem aber ist die andere Spur breit genug, dass der alte ehemals beste Kumpel von Arne Bobic schließlich erwischt wird, seinen Prozess bekommt und wieder einfährt.

 Arne Bobic weiß nicht, was ihn tiefer getroffen hat – der Verrat eines Freundes oder der Verlust der Anlage, von der nur der geküsste Receiver wieder aufgetaucht ist. Bei Arne Bobic, wo er hingehört, allerdings nicht. Als er vor über einem Jahr bei der Staatsanwältin nachfragte, erzählt er, habe die verblüfft gesagt: „Was, den haben Sie noch nicht wieder?“ Hat er nicht. Trotz zweier ordentlicher Anträge, nach Art von Arne Bobic. Hertha-Fan, Familienvater und bald ausgebildeter Alten- und Krankenpflegehelfer.

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