Berlin : Kommissarin für den Straßenkampf

Martina Junitz ist die erste Chefin einer Berliner Einsatzhundertschaft / Von Pieke Biermann

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Für harte Einsätze gibt es spezielles Equipment: Die Gruppenwagen, zum Beispiel. Im Volksmund Wannen. Fast alle alten Wannen sind heute ersetzt durch Kleinbusse, und die haben auch keine Gitter mehr vor den Fenstern, sondern bruchsicheres Spezialglas. „Das war am Anfang ein bisschen gewöhnungsbedürftig für alle“, sagt Martina Junitz. Wer je bei einem der ritualisierten „unfriedlichen Aufzüge“ in einer Wanne gesessen hat, zusammengepfercht, unter scheppernden Helmen und Schilden, zwischen Funk-Gewitter und Geschossen, die an die Metallwände und Fenstergitter krachen, weiß warum.

Martina Junitz bezeichnet sich als „Kind der geschlossenen Einheiten“. Da wollte sie hin, kaum dass sie 1987 mit der Grundausbildung an der Landespolizeischule fertig war, da ist sie gewachsen, hat den Umgang mit Wasserwerfern und Räumfahrzeugen, mit Pistole und Maschinenpistole, damals noch dem Natogewehr G3 und dem Maschinengewehr ebenso gelernt wie Funken, Taktik und Einsatzplanung. Sie hat Nachwuchs an Waffen und im Einsatztraining ausgebildet. „Ich wollte dann auch Verantwortung übernehmen, Führung.“ Sie ging zur Fachhochschule für Verwaltung und Rechtspflege, machte das Abi nach, dann das dreijährige Studium und ging als Kommissarin zurück.

Was ist das denn für eine? Will ausgerechnet in die geschlossenen Einheiten? Sind das nicht prügelgeile Kerle, von Korpsgeist vernagelt und dumpf sexistisch? Die muss schief gewickelt sein! Mannweib oder so, dachten damals viele Kollegen. Nichts davon stimmt. Martina Junitz ist groß, schlank, sportlich, mit rauchigem Timbre und mädchenhaft charmanter Lache. Sie ist seit ewig glücklich mit einem Polizisten und „leidenschaftliche Patentante“ von drei Kids, was unter anderem – neben Dienstsport und Marathon – zu verschärftem Fußballspielen führt. Gucken sowieso. „Ich bin natürlich Fan der deutschen Nationalmannschaft. Von Hertha BSC auch! Ich finde, die Hauptstadt braucht einen Verein in der ersten Liga! Außerdem bin ich seit 1974 Fan des FC Bayern München. Na klar!“

Auch die Einsatzhundertschaften sind ihrem Klischee inzwischen um Lichtjahre voraus. „Unser Spektrum ist so vielfältig, wir könnten gar keine hirnlosen Kampfmaschinen sein, und wir machen auch nicht bloß Veranstaltungen und Aufzüge.“ Sondern Kriminalitätsbekämpfung und Prävention auf breiter Front. Nach Zielvorgaben von oben, aber taktisch weitgehend selbstständig. Sie machen Geschwindigkeitsüberwachung, sichern Schulwege, Straßenfeste, Politik-, Kultur- und Sportereignisse, werden aktiv an so genannten Kriminalitätsbrennpunkten, auch in Zivil. Bei den rituellen Krawalldemos stehen sie grundsätzlich in der zweiten Reihe, hinter den Beamten der Anti-Konflikt-Teams (AKT). „Erst wenn sich die Lage trotzdem verschärft, kommen wir ins Spiel.“ Und die AKTs ziehen sich zurück, weil sie keine Schutzkleidung tragen. Zehn Einsatzhundertschaften hat Berlin, dazu zwei Technische Einsatzeinheiten, seit 1992 wieder verteilt auf zwei Bereitschaftspolizeiabteilungen (BPA). Zusätzlich hat jede der sechs Berliner Polizeidirektionen eine eigene Hundertschaft.

„Sicher werden wir kritisch gesehen“, sagt Martina Junitz. Wenn sie, wie beim letzten Kirchentag, orientierungslosen Touristen den Weg erklären und ein verblüfftes: „Mit Ihnen kann man ja reden! Sie sind ja nett!“ ernten, zucken sie freundlich die Schultern. „Unsere Aufgabe ist eben, für Sicherheit und Ordnung zu sorgen. Aber der eine oder andere merkt dann schon, dass hinter dem, was wir anhaben, Menschen stecken, die sich über vieles Gedanken machen.“

Eigene Gedanken, das ist Martina Junitz wichtig. Teamgeist, Engagement, frische Ideen und erprobte Erfahrung, dazu eine Altersmischung von 21 bis 47, das ist ideal für eine Einsatzhundertschaft im Geist moderner, professioneller Polizeiarbeit, findet sie. Als sie letztes Jahr die Stelle übernahm, die ihr nach dem „haushaltstechnischen Wartejahr“ Ende März auch offiziell übertragen wird, hatten die Mitarbeiter auf etwas mehr Ruhe spekuliert. „Mein Vorgänger hatte so eine Ader, Zusatzaufgaben wie magisch anzuziehen!“ Auch bei Martina Junitz gab es gleich Extra-Einsätze. Daraufhin hatte sie, die im Sternzeichen Fische Geborene, beim nächsten Dienst ein Bild von einer Fischerin an der Tür und einen Teller mit Räucherfischen auf dem Tisch. „Ich halte die Tradition aufrecht, und die sind alle sehr engagiert und haben’s mit einem Lächeln quittiert!“

Also mehr Führungsfrauen in die Bereitschaftspolizei? „Ach, da wird mir ein bisschen viel Brimborium drum gemacht“, sagt sie lachend. „Ich bin bloß momentan die Einzige.“ Von den 1200 Menschen, die bei der Bereitschaftspolizei Dienst tun, sind heute gut siebzehn Prozent Frauen, davon etliche in Führungspositionen. „Ich kann’s nur empfehlen. Für mich jedenfalls ist es ein Traum, und ich bin rundum glücklich!“

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