Berlin : Kommt ein Rentner geflogen

64 Jahre alter Doppeldecker landete in Tempelhof – fürs Museum

Stefan Jacobs

Da hätte die alte Tante Ju aber Augen gemacht: Wenn sie gesehen hätte, wie dieser 64 Jahre alte gelbe Schuhkarton über die Dächer und Minarette von Neukölln brummend angeschaukelt kommt, in drei, vier Metern Höhe fröhlich über den Flughafen Tempelhof wedelt und nach einer Ehrenrunde schließlich landet. Und zwar nicht auf der Rollbahn, sondern daneben auf der Wiese.

Bei Annäherung verwandelt sich der gelbe Schuhkarton in einen Kunstflug-Doppeldecker. Genauer gesagt in eine „Bücker Bü 131 Jungmann“, 64 Jahre alt und auf dem Weg von einem privaten Sammler zum Berliner Technikmuseum. Das filigrane Fluggerät besteht im Wesentlichen aus einem röhrenden 105-PS-Motörchen, das in der Nase sitzt und immerhin mit Blech verkleidet ist. Der übrige Rumpf und die Tragflächen sind mit Kunststoff bespannt und mit Seilen verbunden, an die man sein Leben nur ungern hängt. Der Rumpf hat zwei Löcher für Pilot und Fluggast. Ein Dach gibt es nicht, dafür einen Rückspiegel wie aus dem Kosmetik-Set sowie Steuerknüppel, Tacho, Kompass und einen Knopf mit der Aufschrift: „Rückenflug gestattet bei Hahnstellung Akrobatik‘“.

Aus dem Pilotenloch klettert Claus Cordes, der sonst mit Lufthansa-Jets über Ozeane und Kontinente fliegt. Dem Passagierloch entsteigt Markus Bretzel, stellvertretender Chef des Technikmuseums. Beide sind deutlich jünger als das Flugzeug. Ihre Gesichter glühen, als wären sie die Strecke von Lübeck nach Tempelhof gejoggt, aber das liegt am Flugwind und an ihrer Begeisterung. Der Tower in Lübeck habe innigst darum gebeten, dass sie nach dem Start bei ihm vor dem Fenster vorbei fliegen, berichtet Cordes. Dann sind sie den Elbe-Lübeck-Kanal entlang geflogen und haben die Schleusen gezählt, um die querende Autobahn nicht zu verpassen. Der sind sie – Karte auf dem Schoß, Blick über die Bordwand – in gut 150 Meter Höhe nach Berlin gefolgt und haben mit ihrem Gebrumm ein paar Mal die Pferde auf den Koppeln scheu gemacht. Bretzel, der Museumsmann, steht in seiner figurbetonten Lederkluft daneben und kann gar nicht aufhören zu grinsen, weil es so schön war. „Das war ein Kindheitstraum“, sagt er und versichert, er habe keine Angst gehabt.

Das letzte Stück Weg wird der Doppeldecker auf einem Lastwagen zurücklegen. Aber erst später, denn die Luftfahrt-Ausstellung im Museumsneubau am Landwehrkanal wird erst im Februar 2005 eröffnet. Dort steht er dann im Treppenhaus, die Nase zum Panoramafenster, den Motor startbereit. Nur fliegen darf er nie wieder.

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