Berlin : Kommt Zeit, kommt Rad

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Ein Rad kommt selten allein.
Ein Rad kommt selten allein.Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Gegen Ende der Eiszeit vor gut zwei Wochen schienen sie fast ausgestorben. Doch in der Frühlingssonne haben sich die Radler explosionsartig vermehrt. Und die neuesten Nachrichten verheißen gute Wachstumsbedingungen. Zum einen hat der Senat seit gestern wieder einen Fahrradbeauftragten: Der Verkehrsplaner Arvid Krenz von der Technischen Universität übernimmt den Posten, der seit dem Rückzug von Benno Koch Ende 2009 vakant war. Zum Zweiten hat die Radlerlobby, der ADFC, in dieser Woche sein 11 111. Berliner Mitglied aufgenommen. Zum dritten startete am Montag das Modellprojekt „Stadtrad Berlin“ mit 300 Testradlern. Das von Bahn, Senat und Bundesverkehrsministerium geförderte Pilotprojekt könnte die Nachfolge des Call-a-bike-Systems antreten: Zum Ausleihen müssen nicht mehr Kreditkarte und Handy gezückt, sondern nur noch die Kundenkarte ans Terminal gehalten werden. Diese Karte könnte später zugleich das Monatsticket für Bus und Bahn sein – mit Sonderkonditionen für Stammkunden von BVG und S-Bahn.

Dahinter steht die Idee, dass Fahrräder die öffentlichen Verkehrsmittel ergänzen sollen, statt sie zu verstopfen. Aus demselben Grund will die BVG die Zahl der Fahrradparkplätze an ihren Haltestellen und Bahnhöfen bis 2012 von 300 auf 3000 verzehnfachen. „Allein für dieses Jahr planen wir 700 Abstellbügel“, sagt BVG-Sprecher Klaus Wazlak.

Auch der Aufgabenordner der Stadtentwicklungsverwaltung ist prall gefüllt. Drei Millionen Euro vom Land stehen nach Auskunft von Radverkehrsplaner Dieter Wagner bereit. Das Budget für die Sanierung bestehender Radwege sei auf zwei Millionen Euro verdoppelt worden. Aus diesem Etat wird zurzeit der Radweg am Tempelhofer Damm erneuert – wenn auch zunächst nur gen Süden. Seit Jahren stockt der Senat das knappe Budget mit Geld auf, das EU und Bund für die touristische Infrastruktur bereitstellen. So profitieren Alltagsradler von überregionalen Routen, die sich im besten Fall quer durch die Stadt ziehen wie der R1 von Potsdam zum Müggelsee. Der ist jetzt komplett beschildert. Ebenfalls fast fertig sind nach Auskunft von Wagner die Routen Berlin–Kopenhagen (von Mitte über Charlottenburg und Spandau nach Hennigsdorf) und Berlin–Usedom (über Pankow nach Buch). Zu beiden soll es bald auch Faltblätter geben.

Ein ähnlich verspätetes Projekt soll ebenfalls vollendet werden: Der Senat hat sich mit der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten (SPSG) auf einen Radweg durch den Schlosspark Charlottenburg geeinigt. Ein fester, aber nicht asphaltierter Belag soll es sein, der den Spreeradweg komplettiert. Die Stiftung hat nicht nur ihre bisherige Totalblockade aufgegeben, sondern nach Auskunft von Wagner auch zugesagt, den Weg zweimal im Jahr zu pflegen. Jetzt warte man noch auf die Finanzierungszusage der Wirtschaftsverwaltung.

Mit kleinen Schritten beginnt ein weiteres Großprojekt: Für die Fernroute Berlin–Leipzig wird ein Weg vom Landwehrkanal durch das für Radler nur mühsam zu umfahrende Gleisdreieckgelände angelegt. Weiter südlich wird die Sembritzkistraße asphaltiert, die die Route vom Südkreuz über den Insulaner hinaus verlängert. Außerdem stehen eine Reihe von Radwegen und -streifen auf Wagners Liste, die Hauptverkehrsstraßen sicherer machen und Lücken schließen sollen: Die Radspur an der Reichsstraße wird zum Theodor-Heuss-Platz verlängert, die Skalitzer Straße bekommt eine zwischen Kottbusser Tor und Wassertorplatz. Dort darf dann nur noch unter dem U-Bahn-Viadukt geparkt werden. In Friedrichshain gibt’s Radspuren für die Rüdersdorfer, in Kreuzberg für die Lindenstraße. Auch die sehr unangenehm zu radelnde Tiergartenstraße erhält Radspuren. Weitere sind etwa auf der Fischerinsel, der Müllerstraße und der Chausseestraße geplant. Und der Tempelhof-Schöneberger Tiefbaustadtrat Oliver Schworck (SPD) macht Hoffnung, dass das Provisorium am Bülowbogen beseitigt wird. Dort rollen die Radler von einer überbreiten Piste im Nelly-Sachs-Park direkt auf die Gegenfahrbahn einer Hauptverkehrsstraße.

Wer am liebsten im Rudel radelt, kann sich auf die Sternfahrt am 6. Juni freuen, die erfahrungsgemäß die fröhlichste Demo des Jahres ist. Hunderte Angebote finden sich im ADFC-Heft „Rad & Touren“, das in vielen Fahrradläden und öffentlichen Einrichtungen ausliegt. Und wer Berlin selbst erkunden will, findet auf der Internetpräsenz des Senats viele Informationen (www.stadtentwicklung.berlin.de/verkehr/mobil/fahrrad).

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