Kompetenztraining : Fremde Spielregeln: Polizisten üben den Kontakt mit Migranten

Mit Rollenspielen und Diskussionen werden die Polizisten von Morgen aufs multikulturelle Berlin vorbereitet. Mit gutem Grund: Das Verhältnis zwischen Polizisten und Einwanderern ist ziemlich heikel.

Ferda Ataman

Der Beamtennachwuchs ist sichtlich irritiert. Das soll Unterricht sein? Eigentlich hatten die Polizeischüler gehofft, sie würden etwas über die Sitten bei Türken, Kurden und Arabern lernen – eine Einführung in fremde Kulturen. Nun sitzen sie in kleinen Gruppen an mehreren Tischen und spielen MauMau. Dabei ist reden verboten. Nach der ersten Runde fordert der türkischstämmige Trainer den Tischsieger auf, in eine andere Gruppe zu wechseln. Was die Neulinge nicht wissen: An jedem Tisch gelten andere Regeln. Trumpf ist dann etwa nicht mehr die Dame, sondern der Bube, Gewinner nicht mehr der mit den meisten, sondern der mit den wenigsten Karten. Immer wieder versuchen sich die jungen Männer und Frauen mit Körpersprache zu verständigen. Man sieht überall fragende Blicke, hört genervtes Stöhnen.

Die Übung ist Teil des einwöchigen „Interkulturellen Kompetenztrainings“ der Polizeiausbildung. Mit Rollenspielen und Diskussionen sollen die Gesetzeshüter von Morgen aufs multikulturelle Berlin vorbereitet werden. Mit gutem Grund: Jeder vierte Einwohner der Stadt hat einen Migrationshintergrund. Und in den Kriminalitätsstatistiken tauchen sie oft überproportional häufig auf. Laut Polizeibericht besagt etwa eine Stichprobe von 2008, dass über die Hälfte der Täter im „jugendlichen und heranwachsenden Alter“ einen Migrationshintergrund hatten.

„Das Verhältnis zwischen Polizisten und Einwanderern ist ziemlich heikel“, sagt Barbara John (CDU), die ehemalige Integrationsbeauftragte von Berlin. Häufig komme es zu Zusammenstößen. Viele Polizisten begegneten Migranten nur als Täter, dunkelhäutige Berliner dagegen machten oft die Erfahrung, von Beamten in Grün als potentielle Kriminelle betrachtet zu werden. „Beide Seiten müssen auf diese Begegnungen vorbereitet sein“, sagt John. Deshalb hatte sie in ihrer Amtszeit die kulturelle Sensibilisierung der Polizei ins Leben gerufen. „Schließlich ist die Polizei auch für den Schutz der Minderheiten da.“

Die interkulturelle Schulung feiert dieses Jahr Jubiläum: Seit zehn Jahren hat jeder Berliner Polizist vor seinem ersten Dienstantritt eine Moschee von innen gesehen, mit Migranten diskutiert und Übungen zum Abbau von Vorurteilen mitgemacht. „Lehrbücher allein helfen da nicht“, sagt Klaus-Dieter Schelske von der Berliner Polizei, der diesen Teil der Ausbildung koordiniert. Deswegen soll der deutsche Beamtennachwuchs – wenn auch nur in abstrakten Übungen – selbst erleben, wie sich Fremdsein und Ausgegrenztwerden anfühlt. Etwa, während er in den Räumen des Bundes für Antidiskriminierungs- und Bildungsarbeit in Schöneberg MauMau spielt.

„Ich habe versucht, das Kartenspiel auf eine reelle Situation mit türkischen Familien zu übertragen“, sagt der 21-jährige Polizeischüler Patrick Gallin. „Aber das ist gar nicht so einfach.“ Er und seine Kollegen hatten gehofft, so etwas wie ein Handbuch für den Umgang mit Migranten zu erhalten. Dass es so was aber gar nicht gibt, hatte ihnen der Ausbildungsleiter schon gesagt. „Schade eigentlich“, findet die 23-jährige Sarah Beselt. Immerhin: „Die Übungen bringen uns dazu, einmal in Ruhe über unser Verhalten nachzudenken“, sagt sie. „Das ist bestimmt ganz sinnvoll.“ Ferda Ataman

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