Berlin : KOMPLIZIERTE HOHEITSVERHÄLTNISSE

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Die Berliner Polizei darf nicht im Ausland tätig werden – und als Ausland gelten auch alle diplomatische Vertretungen in der Stadt. Das ist ganz normal. Ganz und gar nicht normal erschien einem dagegen so manches Mal die Zuständigkeitsverwirrungen, die bis 1990 in Berlin herrschten. Denn damals waren nicht nur alliierte Vorbehalte zu beachten; besonders kompliziert gestaltete sich die Arbeit der Polizei vor allem, wenn DDR-Hoheitsgebiet betroffen war. Beispielsweise stand das gesamte Gelände der Reichsbahn in West-Berlin unter Ost-Berliner Kontrolle und durfte von den Sicherheitskräften grundsätzlich nicht betreten werden. Zuständig war die DDR-Bahnpolizei, in mutmaßlichen Kriminalfällen ermittelten oft auch – illegal – Angehörige der für Kriminalität auf Bahngelände zuständigen Transportpolizei in West-Berlin.

Eine weitere Eigenheit Berlins war das so genannte „Unterbaugebiet“: Gelände, das zwar zu Ost-Berlin gehörte, aber vor der Mauer lag und deshalb nur vom Westen aus betreten werden konnte. Doch die West-Polizei durfte dort nicht tätig werden, was bisweilen zu Komplikationen führte. Viele Zehlendorfer erinnern sich noch, dass ein entlaufener, bereits von einer Betäubungsspritze getroffener Hirsch direkt an der Mauer einschlief, wo er aber nicht abtransportiert werden durfte.

Politisch brisanter war die Besetzung des Lenné-Dreiecks. Das Gelände, das zwar vor der Mauer lag, aber Teil des Ost-Berliner Stadtbezirks Mitte war, wurde 1988 vom Senat erworben, weil es zum Bau der Westtangente gebraucht wurde. Am 26. Mai 1988 besetzten deshalb Umweltschützer und Autonome das Gelände und tauften es „Norbert-Kubat- Dreieck“. Die Polizei durfte es aber erst am 1.Juli räumen, weil es bis dahin noch zur DDR gehörte. Als die westliche Staatsmacht dann endlich anrückte, taten etwa 200 Besetzer das, was ihnen schon lange nahe gelegt wurde: Sie gingen „nach drüben“, brachten sich mit einem Sprung von der Mauer in Sicherheit – und wurden von den Grenzposten der DDR auffallend höflich ein paar Stunden lang in Gewahrsam genommen. Ein „Akt der Solidarität mit Teilen der sozialen Bewegung im Westen“ sei dies gewesen, hieß es später in Ost-Berliner Zeitungen. bm

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