Berlin : Kompressen für die Himmelswiese

Die 600 Jahre alte Heiliggeistkapelle an der Spandauer Straße wurde aufwändig restauriert

Helmut Caspar

Mit einer Feierstunde wurde gestern die 600 Jahre alte Heiliggeistkapelle in der Spandauer Straße in Mitte der Öffentlichkeit übergeben. In den vergangenen drei Jahren war das Gebäude mit seinem prächtigen Kreuzgewölbe, dem zum Teil originalen Fußboden und der eindrucksvollen Dachkonstruktion aus dem späten Mittelalter saniert worden. Die Kosten der Renovierung der zum ehemaligen Heilig-Geist-Hospital gehörenden Kapelle in Höhe von 2,75 Millionen Euro wurden zu mehr als der Hälfte von Sponsoren wie der Deutschen Stiftung Denkmalschutz, der Berliner Cornelsen Kulturstiftung, der Deutschen Bank sowie den Ehepaaren Pia und Klaus Krone sowie Andrea und Wulff Plinke getragen. Mit 1,35 Millionen Euro beteiligte sich die Humboldt-Uni, der der Sakralbau gehört.

Vor hundert Jahren hatten geschichtsbewusste Berliner die Kapelle vor dem Abriss bewahrt. Sie wurde dann sehr geschickt in den Neubau der damaligen Handelshochschule und heutigen Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät integriert. Künftig soll die Kapelle als akademischer Festraum genutzt werden, aber auch für öffentliche Veranstaltungen wie Vorträge und Konzerte. Der Dekan der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät, Joachim Schwalbach, sprach gestern allen Bauleuten und Restauratoren sowie den Sponsoren seine Hochachtung für ihr Engagement aus. Niemand hätte es für möglich gehalten, dass das Bauwerk, das noch vor ein paar Jahren als Mensa genutzt wurde und sich in einem ziemlich desolaten Zustand befand, in alter Schönheit wieder erstrahlen wird. Dem Besucher bietet sich ein prächtiger Anblick in der Kapelle, vor allem wenn die Sonne durch die spitzbogigen Fenster scheint. Die Farbe der Bodenplatten korrespondiert mit dem „brillanten Ziegelrot“ der Kreuzrippen, aus denen das Gewölbe gebildet wird, wie Restaurator Jörg Breitenfeldt sagt. Dieser Farbton aus der Zeit um 1520 wurde nach Entfernung dicker Farbschichten entdeckt und neu aufgetragen. Breitenfeldt und seine Kollegen haben zudem Reste von Ausmalungen zwischen den Kreuzrippen der Decke gefunden. Bis zu zwölf Lagen dicker Tünche mussten abgetragen werden, mal mit feuchten Kompressen, mal mit dem Skalpell oder auch mit Ultraschallgeräten. Breitenfeld ist von dem Ergebnis begeistert: „Die zutage getretene Himmelswiese mit Blumen, Blüten und Blättern sucht in Berlin ihresgleichen.“

Und noch eine Attraktion ist zu sehen. Dafür aber muss man ins zweite Obergeschoss der aus der Kaiserzeit stammenden und heute von den Wirtschaftswissenschaftlern genutzten Handelshochschule gehen. Hier sind in eine Wand zwei Fenster eingelassen. Durch sie schaut man auf den weitgehend noch original erhaltenen Dachstuhl. Für die Architektin Ursula Hüffer grenzt es an ein Wunder, dass die Holzkonstruktion, deren Bestandteile exakt auf das Jahr 1476 datiert werden kann, alle Stürme der Zeit überstanden hat.

Über die Heiliggeistkapelle ist ein neues Buch erschienen, das von der Humboldt-Universität und dem Landesdenkmalamt herausgegeben wurde ( Michael Imhof Verlag Petersberg, 29,80 Euro).

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