Berlin : Kondom-Automaten in Schulen? In Potsdam kein Problem

Was in Berlin diskutiert wird, ist in Brandenburg schon Politik – ein Pro & Contra

Annette Kögel

„Ich war schon verwundert“, sagt Madlen Reiß. Als Siebtklässlerin entdeckte sie auf der Schultoilette neben dem Waschbecken einen Kondom-Automaten – inzwischen geht Madlen in die 11. Klasse des Einstein-Gymnasiums in Potsdam, „und der Automat ist für mich zur Normalität geworden“. Kondom–Automaten an Schulen: Was in Berlin derzeit diskutiert wird, ist in Brandenburg seit zehn Jahren offizielle Politik.

Charlottenburg-Wilmersdorf will nächstes Jahr in allen 23 Oberschulen und 16 Jugendfreizeiteinrichtungen Automaten aufhängen lassen. Ein Vorstoß, der viele Schüler, Pädagogen und Aids-Berater erfreut, aber Konservative und Katholiken ärgert. Die Aktion ist dem früheren Schulausschuss-Lobbyisten Stefan Wagner zu verdanken. „Ich saß in den Ferien in Griechenland auf der Terrasse und überlegte, was die Berliner Schule außer fehlender Lehrer, teurer Schulbücher und dreckiger Klos beschäftigt“, sagt der 25-Jährige. Dann kam ihm die Idee: In Zeiten zunehmender Teenagerschwangerschaften und sinkender Aids-Sensibilität könnten Kondom-Automaten praktische Lebenshilfe leisten. Schnell war der Grünen-Antrag eingereicht, der Bezirksamtsbeschluss besiegelt.

Jetzt könnten alle Oberschulen folgen, meinen die einen. Bildungssenator Klaus Böger hat wie sein Ministerkollege aus Brandenburg nichts dagegen: Der Aufklärungsunterricht beginnt schließlich mit der 5. Klasse. Es sei nun mal nicht zu verleugnen, dass Jugendliche immer früher Sex haben, heißt es auch im Hause Böger. Den ersten Geschlechtsverkehr haben Mädchen und Jungen heute im Schnitt mit 14, 15 Jahren. „Durch Kondom-Automaten würden sich die Gespräche über das erste Mal, Verhütung und Gefahren durch Geschlechtskrankheiten an den Schulen intensivieren“, sagt Stefan Wagner.

Noch werde das Thema Verhütung und die Gefahr durch den HIV-Virus von vielen Erwachsenen gern als „moralische Keule“ benutzt, sagt Monika Häußermann, Diplom-Psychologin bei Pro Familia. Mieke Senftleben, Schulexpertin der FDP-Fraktion, hat keine moralischen Bedenken wie viele Kirchenvertreter, findet es aber falsch, „so etwas von oben zu verordnen“. Schulen müssten selbst entscheiden, ob sie Automaten aufhängen – egal, ab man dort Kaffee oder Kondome ziehen könne. Andere Pädagogen befürchten, dass jüngere Schüler aus Unsicherheit die Kondome zweckentfremden und vor allem Unsinn damit veranstalten könnten. Außerdem erhalte man Kondome inzwischen überall, selbst im Supermarkt. Schülersprecherin Anne-Katrin Schlüter ist trotzdem für die Automaten. Manche Mädchen seien schließlich schwanger geworden, weil sich ihr Freund nicht traute, Gummis zu kaufen. „Wenn im Laden ein älterer Herr neben einem steht und der Verkäufer dann noch nach der Größe fragt, gehen viele wieder.“

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