Berlin : Konkurrenzdruck wächst: Anwälte locken mit Billigpreis

Fatina Keilani

Der Mann heißt Boss und ist hier der Chef. Für einen Existenzgründer ist er mit seinen 48 Jahren vielleicht schon etwas alt. Doch seinen Kollegen aus der etablierten Anwaltschaft ist Eugen Boss um eine Nasenlänge voraus. Denn den Juristen stehen eine Menge Veränderungen bevor. Sie verlieren das Monopol auf Rechtsberatung, ihre Gebührenordnung fällt demnächst weg, die Honorare müssen ab 1. Juli 2006 frei ausgehandelt werden – der freie Wettbewerb kommt auch zu den Juristen. Boss aber hat am Donnerstag eine weitere Filiale seiner bundesweiten Anwaltsfirma Juraxx eröffnet – am Wittenbergplatz. Es ist das achte Büro der GmbH. Knallgrün leuchten die Wände in dem Ladengeschäft, es riecht nach neuem Veloursteppich, nach Arbeit sieht es noch nicht aus, aber die roten Bände mit den Gesetzessammlungen stehen schon da.

Vier Anwälte beschäftigt die Firma in Berlin, bundesweit sind es 45. Die Akten werden elektronisch geführt, so dass jeder Mitarbeiter von überall auf sie zugreifen kann. Das hat Vorteile, wenn man ein Rechtsproblem zu lösen hat, für das ein Spezialist im Büro in, zum Beispiel, Dortmund sitzt. Das macht die Problemlösung schneller und für den Mandanten billiger. Der Preis ist nun mal ein Verkaufsargument, besonders in Berlin, wo sich aktuell 9934 zugelassene Rechtsanwälte auf einem schrumpfenden Markt drängen, der ohne das Monopol noch enger wird.

„Der Anwalt erbringt eine normale Dienstleistung, die muss er nah am Verbraucher erbringen“, ist Boss überzeugt. Diesen Gedanken hatten auch schon andere: Die Müller-Dieckert GmbH näherte sich noch konsequenter dem Kunden, indem sie Rechtsberatung in Einkaufspassagen und Warenhäusern anbot, so etwa bei Karstadt am Hermannplatz. Das Konzept ging offenbar nicht auf – die Kaufhaus-Anwälte haben aufgegeben. Bei Müller-Dieckert war gestern niemand zu erreichen.

Das Konzept der Kaufhaus-Anwälte war ähnlich und doch anders. Überschaubare Preise, Erstberatungen zum Minutenpreis von einem Euro, das gibt es auch bei Boss. Aber dort sind alle Anwälte Partner, tragen das unternehmerische Risiko also mit und arbeiten deswegen – so hofft er – mit mehr Unternehmergeist als Angestellte. In seinen Läden ist von außen nur der Empfangsbereich einsehbar; wer im Beratungszimmer sitzt, ist nicht mehr sichtbar. Das war im Kaufhaus anders.

Doch ohne die Vorreiterrolle von Müller-Dieckert hätte Boss es mit der Verwirklichung seiner Idee wahrscheinlich schwerer gehabt, das weiß er. Die Berliner Anwaltskammer war gegen die neuen Kollegen sogar vor Gericht gezogen. Zu Juraxx hat man sich dort noch keine rechte Meinung gebildet. Ärger hat Boss aber auch so genug. Ein Kollege ließ der Anwaltskette verbieten, mit ihren Preisen zu werben. In Hamm gab es Aufregung, als die Firma 200-fach und großformatig Che Guevara klebte, in Knallgrün. Auch Autos mit Firmenwerbung fahren durch die Städte. „Vor einigen Jahren wäre das noch undenkbar gewesen“, sagt Boss. Wenn die Entwicklung so weitergeht, ist vielleicht bald über die erste Kanzlei mit Drive-In zu berichten.

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