Berlin : Konstantin Beltschew behandelt seine Patienten nicht nur, er malt sie auch

Josefine Janert

Das Meisterwerk ist himmelblau und orange und stellt Frauen und Pferde dar. Es heißt "Die Badenden", weil die Frauen nackt sind, im Wasser stehen und im Hintergrund effektvoll die Sonne aufgeht. Oder geht sie etwa unter? Egal. Der Künstler sitzt jedenfalls daneben und hat gute Laune. "Tiere sind leichter zu porträtieren als Menschen", gibt Konstantin Beltschew sein Fachwissen preis. "Die Menschen stellen sich so hin, dass sie schön aussehen. Das Tier bleibt dagegen immer ehrlich."

Beltschew muss es wissen. Der Veterinärmediziner hat eine kleine Praxis in Hohenschönhausen und kennt von Berufs wegen die meisten Meerschweine und Dackel in der Umgebung. Nicht nur sein Arztjob, auch sein Künstlerdasein lässt ihn tief in die Seelen von Goldhamstern und Angorakatzen blicken. Der 53-Jährige malt, auf Bestellung, auch seine vierbeinigen Patienten. Er malt im Zoo, malt draußen in der Landschaft, malt überhaupt alles, was ihm über den Weg hopst oder fliegt.

Ordert ein Kunde ein Bild bei Beltschew, geschieht ungefähr folgendes: Der Tierarzt begibt sich in den meisten Fällen persönlich in die Wohnung, in der die Katze Minka oder der Cocker Wilfried leben. Dort macht er sich mit der Umgebung des Modells bekannt. Schließlich greift er zu Pinsel oder Stift und zeichnet das Viech mit den zu ihm passenden Dingen. Bei Meerschweinchen haben sich Mohrrüben bewährt. Meist muss diese Prozedur rasch vonstatten gehen, erklärt Beltschew: "Die Tiere drehen sich so schnell weg."

Trotz dieser Schwierigkeit gelingen ihm eindrucksvolle Bilder von allerlei Viehzeug. Es ist schon erstaunlich, was in den Wohnungen der Leute alles herum kraucht. Zwerghamster, Wellensittiche und Kaninchen sind da vergleichsweise harmlos. Einen Goldfisch habe er noch nicht gezeichnet, sagt Beltschew, aber dafür das Wildschwein Rudi. Es gehörte einem Mann, der den verlassenen Frischling im Wald gefunden und bei sich aufgezogen hatte. Rudi folgte aufs Wort und benahm sich wie ein Hündchen.

Gegenüber von Beltschews Schreibtisch hängen verschiedene Landschaftsbilder, im Flur seiner Praxis eine Zeichnung, die eine Frau mit Hund zeigt. Porträts seiner Patienten hat er sonst keine vorrätig. Sie landen direkt bei den Kunden, die dafür zwischen 20 und 500 Mark bezahlen. Warum die Leute ihre Dackel malen lassen? "Aus Liebe", sagt Konstantin Beltschew und erzählt die Geschichte eines Mannes, der in seine Praxis kam und mit einem Mal sechs Ratten aus der Tasche holte. "Ich bin erst einmal aufs Klo gerannt. Aber dann habe ich mich daran gewöhnt."

Die Zuneigung zum Tier ist, wie auch die zum Menschen, ein seltsam Ding, das Außenstehende in manchen Fällen nicht unbedingt nachvollziehen können. Porträts von Katze oder Hund sind in Deutschland gegenwärtig sehr gefragt. In Fachzeitschriften annoncieren regelmäßig Leute, die solche Dienstleistungen anbieten. Meist werden die Tiere nach Fotos gezeichnet, seltener sitzt das Original Modell. Manche Geschäftsleute schicken die Aufnahmen bis nach Asien, um dort die Bilder anfertigen zu lassen. Konstantin Beltschew nimmt die Tiere, die er zeichnet, meist persönlich in Augenschein. Er braucht auch keine Anzeigen, sondern verlässt sich auf die Mundpropaganda.

Seine Künstlerkarriere dauert ungefähr so lange wie die Laufbahn als Arzt. Schon während des Studiums in Sofia besuchte der gebürtige Bulgare nebenbei Seminare an der Kunstakademie. Zu DDR-Zeiten bildete er sich in Zeichenzirkeln weiter. Nach getaner Arbeit packt er regelmäßig das, was er seinen "Flüchtlingskoffer" nennt: eine Tasche mit Malutensilien. Damit setzt er sich in die S-Bahn oder ins Auto und verdrückt sich für Stunden in die Natur. Ein "Selbstbildnis als großer Tierpraktiker" zeigt eine Art Zusammenschau des Beltschewschen Universums: Das Stillleben besteht aus Telefon, Schlüsseln, Zetteln und medizinischen Geräten. Im Hintergrund steht ein Aquarell. Darauf ist allerdings kein Meerschwein zu sehen, sondern eine Frau.Konstantin Beltschew ist telefonisch unter der Nummer 928 51 31 zu erreichen.

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