Berlin : Kontrolleur war Schwarzfahrer

34-Jähriger mit Vorstrafenregister schubste einen Fahrgast und war kurz zuvor selbst verurteilt worden

Kerstin Gehrke

Mangelnde Kulanz, ungehobeltes Verhalten, zuweilen auch Handgreiflichkeiten in Bussen und Bahnen: Über Fahrscheinkontrolleure gibt es immer wieder Beschwerden. Oft beziehen sie sich auf Kontrolleure von Firmen, die im Auftrag der BVG unterwegs sind. Wie im Falle von Jens K., der jetzt vor Gericht stand. Er soll einen Fahrgast, der sich über die rüde Behandlung eines mutmaßlichen Schwarzfahrers beschwerte, derb geschubst haben. Aber im Prozess drängte sich eine ganz andere Frage auf: Wird denn nicht geprüft, ob Kontrolleure einen einwandfreien Leumund haben?

Der 34-Jährige ist ein Mann mit langem Vorstrafenregister. Es sind Verurteilungen wegen Körperverletzung, Amtsanmaßung, versuchter Nötigung und Fahrens ohne Führerschein verzeichnet. Und vier Monate vor dem angeklagten Vorfall vom 3. Dezember letzten Jahres musste sich der Kontrolleur selbst als ertappter Schwarzfahrer vor Gericht verantworten. Jens K. als Kontrolleur – „ein Treppenwitz“, kommentierte der Richter.

Im Prozess vor dem Amtsgericht Tiergarten ging es um eine Auseinandersetzung in der Nähe des U-Bahnhofs Frankfurter Tor. Jens K. war mit drei weiteren Kontrolleuren im Einsatz. Er ertappte im Schienenersatzverkehr einen Vietnamesen ohne Fahrschein. „Der Mann war zwischen 20 und 30 Jahre alt“, sagte der Angeklagte. Tatsächlich handelte es sich um einen 12-jährigen Jungen. „Der wollte abhauen, mir einen Stein an den Kopf schlagen“, behauptete der Angeklagte, „ich habe ihn nur leicht am Arm getippt.“

Doch ein anderer Fahrgast will deutlich beobachtet haben, dass Jens K. dem Jungen den Arm umdrehte. Gemüse-Verkäufer Heiko M. mischte sich ein. „Sie haben nicht das Recht, ihn derart zu quälen“, empörte er sich. Der Kontrolleur reagierte erbost: „Halten Sie sich da raus. Das ist eine Amtshandlung.“ Dann soll Jens K. den 40-jährigen Verkäufer attackiert haben. „Er kam auf mich zu und schubste mich“, sagte der Zeuge im Prozess. Auch zu einem Faustschlag habe K. ausgeholt. „Der hat mich aber nicht richtig getroffen.“ Jens K. sagte dagegen, der Fahrgast habe ihn zuerst geschubst. Deshalb habe er ihn „nur leicht mit der flachen Hand zur Seite gedrückt“. Sehr selbstbewusst trat der Angeklagte auf. „Ich habe noch nie jemandem zu Unrecht Schmerzen zugefügt“, betonte er und schlug ein Bein lässig über das andere. Ob er noch immer als Kontrolleur unterwegs ist, verriet er nicht. Er sei Angestellter, gab der Mann aus Köpenick zu Protokoll. Als sein Handy klingelte, meinte der breitschultrige Angeklagte sehr wichtig: „Ich bin eigentlich im Dienst.“

Aus Sicht des Richters hatte der Angeklagte zunächst das Recht, den mutmaßlichen Schwarzfahrer festzuhalten. Dass der Junge einen Pflasterstein aufnehmen wollte und Jens K. sich dadurch bedroht fühlte, sei nicht widerlegt worden. Im Streit mit dem anderen Fahrgast aber habe er zu heftig reagiert. Wegen Körperverletzung verhängte die Kammer eine Geldstrafe von 30 Tagessätzen zu je 20 Euro, insgesamt also 600 Euro, gegen den Angeklagten. Die BVG wird den Fall prüfen müssen.

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