Konzept für Berlin : Magistralen und Mietskasernen: 150 Jahre Bebauungsplan

02.08.2012 14:53 Uhrvon

Am 2. August 1862 trat der „Bebauungsplan von den Umgebungen Berlins“ in Kraft. Bis heute prägt er zwar das Gesicht der Stadt. Doch die reformerischen Ideen des Konzepts scheiterten damals an den wirtschaftlichen Realitäten.

Die oft gerühmte „Berliner Mischung“ war erst mal keine gute Sache

Aber die guten Absichten scheiterten großenteils an den Realitäten. Die preußische Residenzstadt Berlin schickte sich an, zu einer gigantischen Industriemetropole zu werden, zur dichtestbesiedelten Stadt der Welt. Von 1850 bis 1871 verdoppelte sich die Einwohnerzahl auf 800 000, als Hobrecht 1902 starb, waren es schon zwei Millionen Menschen. Der Gründerzeit-Boom verlangte nach hunderttausenden Arbeitskräften, die untergebracht werden mussten. Wer zu jener Zeit mit Grundstücken spekulierte, wurde reich. Große Terraingesellschaften und Bauunternehmen teilten sich die Beute. Vor allem die Agrarflächen, die es am Stadtrand und in den Vororten noch reichlich gab, wurden mit der Umwandlung in parzelliertes Bauland zur Goldgrube. Grundstücke, die 1860 für 100 000 Mark zu haben waren, kosteten 30 Jahre später 50 Millionen Mark.

Die Planungshoheit des Staates war das eine. Die private Baufreiheit das andere. Und so wurden die großzügigen Siedlungsblöcke, die der Hobrecht-Plan vorsah, nicht nur am Rande bebaut, sondern tief gestaffelt bis in den achten Hinterhof. Sechs Etagen hoch und ein Kellergeschoss. Die berüchtigten Berliner Mietskasernen entstanden. Dunkel, feucht und überbelegt. Zwar wurde die Traufhöhe auf 22 Meter beschränkt, um zu vermeiden, dass bei einem Brand einstürzende Fassaden das gegenüberliegende Haus trafen. Aber die Innenhöfe mussten nach den baupolizeilichen Vorschriften nicht breiter als 5,34 Meter sein. Das reichte aus, um eine Feuerspritze zu wenden oder eine Leiter aufzustellen. Hobrecht beschwerte sich erfolglos über dieses Elend: „Das Vierfache (des Hofraums) wäre kaum genug, wenn wir für unsere Hinterzimmer noch Sonne, Licht und Luft in genügender Quantität und Güte behalten wollen.“

Auch die oft gerühmte „Berliner Mischung“ aus Wohnen und Gewerbe war erst mal keine gute Sache. Die Fabriken mitten in den Wohnblöcken verpesteten die Luft und machten Krach. Sie wurden dort auch nicht gebaut, um den Arbeitern den Weg zur Arbeit zu verkürzen, sondern weil die Grundstücke in den Hinterhöfen relativ preiswert waren. Auch die begrünten Plätze in jedem neuen Stadtviertel blieben oft ein schöner Plan. So umfasst der Wittenbergplatz nur ein Drittel der ursprünglich gedachten Fläche. Andere Plätze, etwa an der Rügener Straße in Wedding, wurden gar nicht realisiert. Und weil Hobrecht den Flächenbedarf des innerstädtischen Eisenbahnverkehrs unterschätzte, wurde der Bebauungsplan mehrfach korrigiert.

Trotzdem prägt sein Generalplan, der eigentlich nur Baufluchten und Straßen darstellte, bis heute die städtebaulichen Strukturen Berlins: Das Netz der Hauptverkehrsstraßen, die Blockbebauung, reizvolle Kieze und die Mischung von Wohnen und Gewerbe. Erst 1919 wurde Hobrechts Bebauungsplan aufgehoben. Er steht am Anfang einer Flächennutzungsplanung für Berlin, die es seit 1994 wieder für die gesamte Stadt gibt.

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