Berlin : Konzeptkunst: Frei wie ein Vogel

Knut Ebeling

Im Berliner Modernisierungswahn passiert es manchmal, dass man die Zeichen vor lauter Schildern nicht sieht. Zum Beispiel im Verkehr: Man schaut auf die Straße und entdeckt so viele Schilderschichten, dass man sich fragt, welche denn nun die gültige ist. Für solche Situationen zeichentechnischer Unentschiedenheit interessiert sich der Berliner Konzeptkünstler Andreas Schmid. Auf einem Foto mit dem Titel "Boden Shanghai März 1998" nahm er eine Straßenkreuzung aus der Vogelperspektive auf, auf der sich verschiedene Zeichenschichten überlagern: die der chinesischen und die der englischen Straßenbemalung.

Andreas Schmid, 1955 geboren, ist nicht nur künstlerischer Spezialist in zeichentechnischen Dilemmata, sondern er verbrachte auch den größten Teil seiner artistischen Karriere im Reich der Mitte. Dort studierte er Kalligraphie und Siegelschneiden, kuratierte und diskutierte eifrig, und brachte das alles in seine Kunst ein. Was man ihr auch ansieht, denn der größte Teil von Schmids Arbeit erinnert an konzeptualisierte chinesische Schriftzeichen.

In seiner jüngsten Berliner Ausstellung weitet Schmid sein Thema auf die Bereiche Stadt und Raum aus. Die Anwendung des konzeptuellen Ansatzes auf den urbanen Raum tut beiden gut: Der Konzeptkunst verhilft sie zu mehr Anschaulichkeit, und der urbane Raum hört auf, die Addition verschiedener Architekturen zu sein. In den besten Stücken seiner Ausstellung erreicht Schmid eine Verfremdung seines Gegenstandes, der den Besucher auf die Straße blicken läßt wie ein Vogel. Mit seiner systematischen Vogelperspektive stellt Schmid die dringende Frage nach dem Zustandekommen und der Verfasstheit von Räumlichkeit: Was sind Räume? Wie werden sie gemacht? Und was hat das mit uns zu tun?

Tennisplätze ohne Netz

Eine zentrale Antwort Schmids könnte lauten: Wir bewegen uns nicht in vorgefertigten Räumen, die mit uns nichts zu tun haben, sondern die Räume produzieren selbst die Verhaltensweisen, mit denen wir in ihnen handeln. Zum Beispiel auf dem Spielfeld. Das erste Wandfoto der Ausstellung zeigt zwei verwaiste Tennisplätze ohne Netz und Spieler. Hier hat lange keiner mehr gespielt. Wimbledon sieht nicht so aus. Doch Schmid interessiert sich weniger für die leicht melancholische Ansicht der Plätze, sondern für die Regeln ohne Spieler. Die spärlichen Linien auf dem Platz regeln alle Akrobatik auf ihm. Genauso wie ein paar Linien auf einem Stück Asphalt Menschen dazu veranlassen, in eine bestimmte Richtung zu fahren.

Im großen Galerieraum nimmt Schmid die Linien des Tennisplatzes auf und läßt sie frei. Er sprengt die Raumordnung, ohne aber eine neue vorzugeben. Als wolle er den Boden der Galerie markieren wie ein Spielfeld, beklebt er ihn mit einigen Metern Klebstreifen. Dazu gesellen sich spartanische kalligraphische Linien an den Wänden. Doch die zerstreuten Linien auf Wand und Boden führen nirgendwohin; sie ergeben kein Ganzes, keinen Weg und kein Spielfeld. Man kann sich nicht nach ihnen richten; sie produzieren so wenig Orientierung wie ein Haufen abgestellter Verkehrsschilder: abstrakter Zeichenmüll.

Der dritte Ausstellungsteil weist auf jenes Feld hin, in dem die abstrakten Zeichen der Spiele und der Regeln konkret zum Einsatz kommen: in der Architektur. Architekten bauen keine Räume für menschliches Verhalten, sondern die Menschen verhalten sich gemäß den Räumen und Regeln, die die Architekten bereitstellen. Jeder hat Raumstrukturen in sich, aber keiner hat sie selbst gebaut. So verweisen die Großbaustelle bei Nacht, die Architekturdetails des Berliner Jüdischen Museums oder die Straßenkreuzung in Shanghai auf die Frage nach der Organisation und Administration des Raumes, auf die Ordnungen, die durch Räume hergestellt werden, auf die Spielregeln, die durch sie gesetzt und die Befehlsmächte, die durch sie abrufbar werden. Man müsste schon so frei wie ein Vogel sein, um sie nicht zu verstehen.

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