Konzert der libanesischen Band Mashrou' Leila : Wenn Sex zu Politik wird

Die Band Mashrou' Leila: arabisch, politisch und irre erfolgreich. Doch ihre Offenheit bringt Probleme. Heute und morgen tritt sie in Berlin auf.

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Bärte aus Beirut: Mashrou' Leila. V.l.: Gitarrist Firas Abou Fakher, Schlagzeuger Carl Gerges, Sänger Hamed Sinno (vorne) und Geiger Haig Papazian. Es fehlt Bassist Ibrahim Badr.
Bärte aus Beirut: Mashrou' Leila. V.l.: Gitarrist Firas Abou Fakher, Schlagzeuger Carl Gerges, Sänger Hamed Sinno (vorne) und...Foto: DAVIDS/Sven Darmer

„Kul mamnou'a marghoub“ heißt ein arabisches Sprichwort – alles Verbotene ist begehrt. Aber daran liegt es vermutlich nicht, dass das Konzert von Mashrou’ Leila am heutigen Freitag im Yaam innerhalb kürzester Zeit ausverkauft war, und das fast ohne Werbung. Die Indie-Band ist ja in Deutschland nicht verboten und war es auch nie – anders als in Jordanien, wo sie vor kurzem ein komplettes Auftrittsverbot kassiert hat. Nein, die fünf Libanesen, deren Bandname übersetzt „nächtliches Projekt“ bedeutet, sind einfach erfolgreich, wohl mehr als jede andere Gruppe aus der Region derzeit.

Der Launch ihres aktuellen, vierten Albums „Ibn el Leil“ (Sohn der Nacht) wurde auf MTV übertragen, sie sind die erste Gruppe aus der Region, die es auf das Cover des „Rolling Stone“ schaffte, und das, obwohl sie nur auf Arabisch singt. Nicht schlecht für eine Band, die vor acht Jahren aus einem Studentenprojekt in Beirut entstand. Ihre Musik: Indie, das neue Album ist sogar noch ein bisschen poppiger als die Vorgänger und hebt sich damit wohltuend ab gegen den sonst in der Region oft üblichen traditionellen Herzschmerz-Kitsch. Und jetzt Deutschland. „Wir waren schon überrascht, dass die Show so schnell ausverkauft war“, sagt Sänger Hamed Sinno im Büro der Produktionsfirma in Schöneberg. Klar: Durch die Geschichte in Jordanien „haben wir sehr viel Aufmerksamkeit bekommen“, aber die war nicht nur positiv.

„Sex ist hochpolitisch“

Wie berichtet wollte die Band im römischen Amphitheater der jordanischen Hauptstadt Amman spielen, wie schon zuvor. Das wurde vom Tourismusministerium untersagt, „weil unsere Musik die Bedeutung des Ortes störe“, erzählt Gitarrist Firas Abou Fakher. International und auch in Jordanien folgte ein Aufschrei, die Regierung nahm das Verbot zurück. Vor allem in arabischsprachigen Zeitungen dagegen wurde der Band vorgeworfen, sie sei „für sexuelle Freiheit und Religionsfreiheit und gegen die Regierung – kurzum, Satanisten“, erzählt Sänger Hamed Sinno.

Das stimmt alles, abgesehen vom Satanismus-Vorwurf. Sinno selbst ist offen schwul, und das Thema Homosexualität wird in mehreren Liedern angespielt. Direkt politisch sind die Lieder selten, aber das ist auch nicht nötig in einem Umfeld, in dem es schon reicht, von Liebe und Sex zu singen: „Sex ist hochpolitisch“, sagt Sinno, „wenn Leute im Libanon ins Gefängnis wandern, weil sie homosexuell sind, dann werden sie nicht für ihre queere Identität angeklagt, sondern für den sexuellen Akt.“ Trotzdem, sagt Sinno: „Wir sind nicht mehr oder weniger politisch als jeder andere Pop-Act. Probleme nicht anzusprechen, ist ja auch eine politische Haltung.“

Aber die häufig verbreitete Behauptung, sie hätten den „Soundtrack des Arabischen Frühlings“ geschrieben, lehnt die Band ab. Zum einen, sagt Sinno, weil der Begriff „Arabischer Frühling“ eine Erfindung westlicher Medien sei für „eine Reihe sehr komplizierter und höchst unterschiedlicher Ereignisse in verschiedenen Ländern“. Zum anderen seien gerade sie, fünf Männer aus der oberen Mittelschicht des Libanon, in dem diese Ereignisse noch nicht einmal stattfanden, nun wirklich nicht geeignet, für diese Ereignisse zu sprechen – auch wenn ihre Musik in vielen der betroffenen Länder sehr populär wurde.

Die wenigsten wollen langfristig im Libanon bleiben

Nun also Berlin. Und klar sagen die Jungs, sie freuen sich auf diese Stadt, die sie bisher vor allem als Touristen kannten – und in der sie Partys gefeiert haben, von denen sie lieber nichts erzählen, aber jedes Mal laut lachen müssen, wenn jemand darauf anspielt. „Es herrscht ein guter Spirit hier“, sagt Gitarrist Abou Fakher diplomatisch, durch die vielen Künstler, die hier leben.

Und das Image Berlins in der arabischen Welt habe gewonnen seit Beginn der Flüchtlingskrise, wie insgesamt das Image Deutschlands gerade durch die Politik der offenen Tür sehr positiv sei. Sinno sagt sogar: „Berlin ist klasse. Wenn wir Libanesen ins Ausland reisen, haben wir immer im Hinterkopf: ,Ist das ein Ort, an dem ich leben könnte?‘ Die wenigsten wollen langfristig im Libanon bleiben. Und Berlin hat wahrscheinlich jeder von uns schon einmal in Betracht gezogen.“

Mashrou’ Leila spielen am heutigen Donnerstag um 21 Uhr im Yaam, es gibt noch Tickets - das Konzert am morgigen Freitag ist ausverkauft. Ein ausführliches Interview finden Sie bei der Nahost-Plattform Alsharq: www.alsharq.de

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