Konzerttipp : Tango de Berlín

Die Band „La bicicleta“ besingt die Stadt mit argentinischen Rhythmen und einer neuen CD. Heute Abend spielen sie im Maschinenhaus.

Clara Billen
Sound des Sommers. Javier Tucat Moreno, Judith Brandenburg, Florian Kellerhals und Gastsängerin Anahí Settón (von links) singen vom Duft der Stadt, durchgemachten Nächten und Gewalt auf den Straßen.
Sound des Sommers. Javier Tucat Moreno, Judith Brandenburg, Florian Kellerhals und Gastsängerin Anahí Settón (von links) singen...Foto: Mike Wolff

Um halb vier morgens im Nachtbus 8: Leere Bierflaschen schaukeln bei jeder Kurve von rechts nach links. Partygäste sitzen neben Frühaufstehern, Touristen versuchen sich zu orientieren. Mittendrin Judith Brandenburg. „In dem Bus treffen sich die verschiedensten Gestalten“, sagt sie. Brandenburg muss es wissen, schließlich ist sie nächtelang von einer Endstation zur nächsten gefahren. Alles für einen Tango.

Judith Brandenburger ist Berufsmusikerin und hat ein Lied über den N 8 geschrieben. Nun steht sie mit ihrem Bandoneon – das ein wenig an ein Akkordeon erinnert – im improvisierten Proberaum ihrer Neuköllner Wohnung zwischen bunt zusammengewürfelten Möbeln. Am Flügel Javier Tucat Moreno, Florian Kellerhals hält seine Geige in der Hand. Die drei nennen sich zusammen „La bicicleta“. „Progressiven Tango“ nennen sie ihre Musik. Sie proben ein letztes Mal vor ihrem Konzert im Maschinenhaus der Kulturbrauerei in Prenzlauer Berg, wo sie am Freitag ihr neues Album „Berlin azul“ vorstellen.

Aus dem, was Judith Brandenburg, die Komponistin der Band, in der N8 erlebt hat, wird Musik, die sich anhört wie etwas, das gleichzeitig nach Buenos Aires und Berlin klingt. Es erinnert an Südamerika, an Tanzen, an Sommer. Die Kompositionen sind manchmal dramatisch und immer gefühlvoll. Vor allem aber klingen die Stücke von „La bicicleta“ nicht nach klassischem Tango.

„Unsere Musik geht über den traditionellen Tango hinaus, wir kombinieren Tango mit neuen Strukturen“, sagt Javier Tucat Moreno, „wie zum Beispiel mit Elementen aus arabischer Musik und Rock.“ Der Pianist kommt aus Buenos Aires und ist seit der Gründung der Band vor fünf Jahren dabei. „Berlin azul“ ist ihr zweites Album. Über eine Crowdfundingplattform haben sie 10 000 Euro für die CD zusammenbekommen. „Mehr als wir jemals gedacht hätten“, sagt Violinist Florian Kellerhals. Die neue CD ist in einjähriger Arbeit und kompletter Eigenregie entstanden: Aufnahme, Produktion, Bookletdesign, Plakatieren. Herausgekommen ist ein Album mit vierzehn Liedern rund um Berlin. „Wir sind die erste Tangogruppe, die Berlin besingt“, sagt Javier Tucat Moreno. Eine Live-CD, natürlich! „Die Energie, die auf der Bühne zwischen uns entsteht, kann man im Studio nicht nachmachen“, sagt der Pianist.

Modernen Tango wollen sie machen, entgegen der Klischees. „Diese Musik sollte sich nicht immer anhören wie eine knisternde Schallplatte aus den Fünfzigern“, sagt Javier Tucat Moreno. Eine Definition ihrer Musik sei schwierig, er nennt es gerne „ehrliche Musik in guter Qualität“. Dabei grinst er. Im Gegensatz zu seinen Bandkollegen kommt Moreno vom Tango. Judith Brandenburg und der Schweizer Florian Kellerhals haben eine klassische Musikausbildung.

Aber was hat Berlin mit Tango zu tun? „In traditionellen Tangoliedern werden oft Städte und Orte beschrieben. Man singt über das, was man sieht“, sagt die argentinische Sängerin Anahí Settón, die als Gastsängerin auf der Platte zu hören ist. Anstatt um Buenos Aires geht es bei „La bicicleta“ nun eben um Berlin. „Berlin, wohin trägst du mich?“, singt Anahí Settón. „Ich bin wie berauscht, trunken von deinen Düften. Ziellos durchstreife ich die blaue Nacht, und die Straßen singen mir dein Lied.“ Eine Nachtwanderin läuft durch die Straßen und saugt die Düfte der Stadt in sich auf. „Berlin wird als Geliebte angesprochen. Die Stadt ist in dem Stück, wie sie ist – mit all ihren Widersprüchlichkeiten“, sagt Judith Brandenburg. Vor ihren Konzerten erklärt sie den Zuhörern, was sie in den Stücken aufgreift. „Es kann um Gewalt auf der Straße gehen, um den Geruch von Shishas und schwarzem Tee in Neukölln“, sagt sie. Die Sprache des Tangos sei emotional, zeitlos und frei. „Das passt zu Berlin“, sagt Judith Brandenburg. So finden sich neben dem N8 auch der Hauptbahnhof und die Technoclubs in den Liedern. Das scheint sowohl bei Berlinern als auch bei Südamerikanern gut anzukommen. „Unser Publikum ist sehr bunt“, sagt Florian Kellerhals. Nur einer wird sicher nicht zum Konzert kommen: „Wowereit verpasst unseren Auftritt“, sagt Javier Tucat Moreno und lacht. Der Regierende Bürgermeister ist diese Woche in Berlins Partnerstadt Buenos Aires unterwegs.

CD-Release-Konzert: Am heutigen Freitag, 21 Uhr, im Maschinenhaus der Kulturbrauerei, Knaackstraße 17. Eintritt: 17 Euro. Am Freitag, 11.4., 22 Uhr im Jazzclub „B-Flat“ in der Rosenthaler Straße 13 in Mitte, Eintritt ab 10 Euro. Mehr Infos unter: www.labicicleta.de

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