KOOPERATIONSPARTNER : Muskeltraining für das Selbstbewusstsein

Männern, denen die Prostata enfernt wurde, drohen oft Inkontinenz und Impotenz. In einer onkologischen Reha lernen sie, wie man die OP-Folgen beherrscht

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Rehaführer Berlin-Brandenburg: Eine Serie von Ingo Bach (Leitung und Konzept), Lisa Geiger, Frieder Piazena, Magdalene Weber und Nils Klöpfel (Grafik).
Rehaführer Berlin-Brandenburg: Eine Serie von Ingo Bach (Leitung und Konzept), Lisa Geiger, Frieder Piazena, Magdalene Weber und...

Inkontinenz und Impotenz. Nur wenige körperliche Malaisen kratzen so am männlichen Selbstverständnis, wie diese beiden Einschränkungen. Den Urin nicht halten zu können, eine Einlage – manche denken dabei an Windel – tragen zu müssen, kommt für viele dem Verlust der Selbstachtung gleich. Noch mehr gilt das für die Fähigkeit zur Erektion. Ohne sie ist man doch kein Mann, belastet man Sexualleben und Partnerschaft ... Wie läuft es eigentlich bei Ihnen so mit der Liebe, Herr Rebuschatis?

„Endlich wieder sehr gut“, sagt der 57-Jährige lächelnd – und auch ein wenig stolz. Vier Monate lang war Wilfried Rebuschatis nicht so entspannt bei diesem Thema, damals vor knapp fünf Jahren. Der Grund: Seine Prostata musste entfernt werden. Krebs. Die Erektionsfähigkeit war nach der Operation stark beeinträchtigt – ebenso wie die Fähigkeit, den Schließmuskel der Blase zu beherrschen. Beides typische Begleiterscheinungen, nachdem die Vorsteherdrüse – wie man die Prostata auch nennt – herausgeschnitten ist. Und beides auch zwei der Hauptgründe dafür, dass nach der Operation die Behandlung noch lange nicht beendet ist. In einer Rehabilitationsklinik müssen die Betroffenen wieder lernen, mit ihrem Körper zurechtzukommen.

In einer solchen Klinik wird Wilfried Rebuschatis fast fünf Jahre nach seiner Operation heute erneut behandelt. Er beließ es nicht bei der ersten Rehabilitation, der sogenannten Anschlussheilbehandlung (AHB) – jedes Jahr nimmt er sich drei Wochen Auszeit. „Für mich ist es wichtig, meine Kenntnisse und Techniken aufzufrischen, mich von den Ärzten durchchecken zu lassen und mich auf meinen Körper zu konzentrieren.“ Er fügt hinzu: „Seit der OP wurde ich nie wieder krankgeschrieben.“

So ist er auch im Juni 2011 wieder zur Rehabilitation im Rehazentrum Lübben, einer Fachklinik für Orthopädie und Onkologie. Inmitten des Biosphärenreservats Spreewald gelegen, umgeben Maisfelder, Äcker mit Teichen und von Bäumen bestandene Feldwege die Klinik.

Rebuschatis’ Rehaprogramm ist straff: Morgens geht es raus zum Nordic-Walking über die Feldwege, Krankengymnastik in der Sporthalle der Klinik folgt. Gemeinsam mit nur vier weiteren Patienten lässt Rebuschatis unter der Anleitung der großen und schlanken Physiotherapeutin Gymnastikbälle aufprallen, hüpft unter den springenden Bällen hindurch und balanciert das eigene Körpergewicht auf den blauen Gummibällen. „Sporttherapie wärmt mich auf und holt mich aus der Lethargie“, sagt Rebuschatis.

Auch die Aqua-Fitness – ein gelenkschonendes Körpertraining im Schwimmbad des Hauses – aktiviere Körper und Geist. Spätestens nach einer Kneipp’schen Behandlung „ist der Motor so richtig an“, sagt Rebuschatis.

Den Motor am Laufen zu halten, ist ihm wichtig, denn vor fünf Jahren geriet der ziemlich ins Stottern. „Die Diagnose drückte alles andere in den Hintergrund“, erinnert sich der braun gebrannte schlanke Mittfünfziger mit graumeliertem kurzen Haar und Schnauzbart.

Rückblende: 2006. Der Herbst hält Einzug, die Blätter fallen von den Bäumen, es ist grau. Passend zur Untergangsstimmung, die Rebuschatis erfasst, als er die Nachricht von seiner tödlichen Krankheit erhält: Krebszellen in den Gewebeproben aus der Prostata bestätigten den Verdacht, den zuvor ein Test auf das – als Krebsmarker dienende – prostataspezifische Antigen (PSA) aufkommen ließ. „Ich hätte noch eine Lebenserwartung von elf Jahren, meinte der Arzt.“ Lethargie und Unsicherheit überschatteten nun sein Leben.

Rebuschatis wendet sich an die Charité. Dort sind sich die Urologen schnell einig: Für eine Strahlentherapie ist es zu spät, der Krebs ist zu weit fortgeschritten. Also Operation: Die ganze Prostata muss raus.

Nur zwei Monate nach der Biopsie, mit der im Dezember 2006 der Krebs zweifelsfrei nachgewiesen wurde, liegt Rebuschatis auf dem Operationstisch des Universitätsklinikums. Die Chirurgen der Urologie entfernen die Vorsteherdrüse minimalinvasiv, also über nur fünf wenige Zentimeter große Einschnitte im Unterleib. Die Vorteile einer solchen Methode: kleinere Narben, weniger Blutverlust. Entscheidend für Rebuschatis’ spätere Lebensqualität ist jedoch eines: Gelingt es den Chirurgen, die an der Prostata entlanglaufenden Nerven- und Blutbahnen zu schonen? Keine leichte Aufgabe, liegen diese empfindlichen, über die Potenz entscheidenden Nerven und Gefäße doch eng an dem Organ an.

Der Eingriff glückt, der Tumor wird vollständig entfernt, ohne die Nervenstränge unrettbar zu schädigen. Die Chancen stehen nicht schlecht, dass die Fähigkeit zur Erektion – die unmittelbar nach der OP oft eingeschränkt ist – zurückkehren wird. Doch eines kann auch der beste Operateur nicht verhindern: Samt Prostata muss auch immer der zweite, innere Schließmuskel zur Harnblase dran glauben. Der aber reguliert gemeinsam mit dem äußeren Schließmuskel des Beckenbodens den Harnfluss. Wird der eine entfernt, muss der verbleibende Verschluss den Harn allein zurückhalten – und damit ist er oft, gerade bei Belastungen wie Sport, Husten, Niesen oder Lachen überfordert. Mediziner sprechen dann von einer Belastungsinkontinenz.

Leidet ein Patient nach der Operation unter einer Harninkontinenz, muss das aber nicht so bleiben. Betroffene können lernen, ihre Beckenbodenmuskulatur gezielt zu trainieren und somit den überforderten, äußeren Blasenschließmuskel zu entlasten. Und diese Übungen sind ein wesentlicher Teil der Reha. Urologen empfehlen, binnen 14 Tagen nach einer Prostataentfernung eine Anschlussheilbehandlung zu starten – denn je früher mit der Rehabilitation begonnen wird, desto höher sind die Heilungschancen.

Das Beckenbodentraining steht von Montag bis Samstag täglich auf dem Programm des Rehazentrums Lübben. „Doch bevor die Patienten damit anfangen können, diesen Muskel zu stärken, ist oft etwas Nachhilfe in Anatomie gefragt“, sagt Gabriela Rex, Chefärztin der Onkologie. Bei gesunden Menschen arbeite der Beckenboden automatisch und werde deshalb kaum wahrgenommen. „Deshalb kneifen viele Männer zunächst nur die Pobacken zusammen.“ Sogenannte Bio-Feedback-Geräte können den Männern dabei helfen, den richtigen Muskel anzusprechen (siehe Gerätecheck auf der Seite13). Nachdem die Technik erlernt wurde, trainieren die Rehabilitanden selbstständig den Beckenboden, zwei Mal täglich bis zu einer halben Stunde lang. „Wichtig ist jedoch auch, den Muskel nicht zu überfordern“, warnt Rex – sonst ließe dessen Leistungsfähigkeit nach und die Inkontinenz verschlimmere sich sogar. Unterstützend setzen die Onkologen in Lübben auch auf Elektrostimulation: Ein schwacher Strom wird dabei über aufgeklebte Elektroden in den Beckenboden geleitet und dadurch das Muskelwachstum stimuliert.

Aufschluss darüber, wie erfolgreich trainiert wurde, gibt der sogenannte PAD-Test. „Wenn wir den Patienten in die Klinik aufnehmen und dann noch einmal, wenn wir ihn entlassen, messen wir mit diesem Test die Menge Urin, die unter Belastung unwillkürlich abgegeben wird“, erklärt Rex. Das Ergebnis sei nicht nur ein wichtiges Feedback für den Patienten, sondern auch für dessen Chirurg ein Indikator für den Behandlungserfolg: Je weniger Urin verloren geht, desto besser hat der Operateur gearbeitet.

Das Muskeltraining ist der eine wichtige Bestandteil der Reha. Der andere ist das seelische Gleichgewicht. Denn Krebs wuchert nicht nur im Organ – er befällt auch die Psyche. Prostatakrebspatienten leiden nicht nur unter der Angst vor Inkontinenz und Impotenz, sondern fürchten sich davor, dass der Krebs wiederkehren könnte – Psychologen sprechen dann von der Rezidiv-Angst.

Deshalb ist der Therapieansatz einer Prostatakrebs-Rehabilitation interdisziplinär: Physiotherapeuten, Krankengymnasten und Urologen kümmern sich um das körperliche Wohl. Psychoonkologen – das sind auf Krebserkrankungen spezialisierte Ärzte und Psychologen – sorgen für das psychische Gleichgewicht (siehe Interview unten). Und nicht zuletzt unterstützen Sozialberater die Patienten im sozialen Leben, sprechen mit Versicherungen, Arbeitgebern und überlegen, wenn der Patient den bisherigen Beruf nicht mehr ausüben kann, welche Alternativen es für ihn gibt.

In Lübben findet der Patient auch Zeit, den Stress des Alltags und der Erkrankung zu bewältigen. „Viele Patienten leiden unter Schlafstörungen“, sagt die Chef-Onkologin Rex. Entspannungstechniken wie Qigong, Tai-Chi oder Autogenes Training gehören deshalb genauso zur Therapie wie Gespräche mit dem Psychologen.

In Gesprächsrunden – manche sagen dazu auch Männerrunden – mit Psychologen und anderen Prostatakrebs-Patienten werden ganz spezielle Themen angesprochen: Ängste, Inkontinenz, Impotenz und Sexualität – kurz das Leben nach dem Tumor. „Reden hilft“, sagt Rebuschatis. Zu erfahren, wie andere Betroffene mit den Folgen des Tumors und der Behandlung umgehen, helfe oft die eigene Unsicherheit abzubauen.

Und der Urologe der Rehaklinik hilft in Sachen Liebe weiter: Er verschreibt nicht nur Medikamente für die Potenz, sondern erklärt auch die Funktion einer Penispumpe – ganz praxisnah gehört dazu auch eine Übung mit der Partnerin oder dem Partner des Patienten.

Wilfried Rebuschatis braucht solche Hilfsmittel nicht mehr. Nach der Operation dauerte es vier Monate, bis die Erektionsfähigkeit wiederkehrte. Und wie steht es nun um die Liebe, Herr Rebuschatis? „Wie das so ist nach 27 Jahren Ehe“, sagt er lächelnd und fügt hinzu: „Wir lieben uns sehr und genießen es wieder.“

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