Berlin : Kopf hoch, Bärchen!

Wie Herthas Motivationstrainer Berlin fit machen will für das Jahr 2003

Stephan Wiehler

An guten Wünschen für die Zukunft ist in diesen Tagen in Berlin kein Mangel. Ein glückliches und erfolgreiches neues Jahr? Nie zuvor war das leichter gesagt als getan. In Zeiten von Defizit und Depression, leeren Kassen und schweren Köpfen fällt es umso schwerer, mit Zuversicht ins neue Jahr zu starten. Das Land im Haushaltsnotstand, die Bürger vom Sparzwang regiert und von Schulden erdrückt – nach den niederschmetternden Nachrichten, die das abgelaufene Jahr zurücklässt, scheinen die krisengeplagten Berliner allen Grund zu haben, mutlos in ihre Zukunft zu blicken.

Die deutsche Hauptstadt im Stimmungstief. In dieser labilen psychischen Verfassung ist kaum ein optimistischer Aufbruch zu erwarten. Berlin braucht offenbar dringend Motivationshilfe. Eine Herausforderung für Gerd Driehorst. Als „erster offizieller Mentalcoach der Fußball-Bundesliga“ (Spiegel) steht der promovierte Sprachwissenschaftler seit 1998 im Dienst von Hertha BSC. Seine Aufgabe sieht der 40-Jährige darin, „einzelne Profis zu unterstützen, ihr gesamtes Potenzial abzurufen und damit ihre Leistungskraft für das Team zu erhöhen“. Driehorst, der in Marburg neben Linguistik auch Theologie und Pädagogik studierte, erklärt, wie Berlin und seine Bewohner sich am eigenen Schopf aus dem Sumpf ziehen können. Sein Programm: Konzentration auf das Wesentliche, durch eigene Stärken zu neuem Selbstbewusstsein finden, positive Energien bündeln und zum kraftvollen Durchstarten nutzen.

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Schluss mit dem Meckern

Der Mentalcoach ist genervt von der „Motzki-Mentalität“ der Berliner. „Das ist ein Zeichen von Schwäche“, sagt Driehorst.„Wer ständig anderen die Schuld an der Misere zuweist, beraubt sich der Möglichkeit, selbst aktiv an der Lösung der Probleme mitzuwirken. Wer Verantwortung abgibt, gibt damit auch die Macht ab, etwas zu verbessern.“ Das gelte für den Einzelnen ebenso wie für die ganze Stadt. Driehorst ruft zu eigenem, auch ehrenamtlichem Engagement in Sportvereinen oder für soziale Projekte auf. „Sich allein oder besser mit anderen verantwortlich zu engagieren, gibt Selbstvertrauen und baut innere Substanz auf. Wer seine Freizeit nur vor der Glotze, der Playstation oder im Internet verbringt, muss sich nicht wundern, wenn er unzufrieden ist.“

Mut zur Ehrlichkeit

Am Anfang einer erfolgreichen Krisenbewältigung steht die ehrliche Selbstreflexion. „Wir müssen uns unangenehme Fragen stellen“, fordert der Mentalcoach. „Wie ist das Konto in die Miesen gerutscht? Woher kommt der innere Frust? Es gilt, die eigenen Fehler zu erkennen und konstruktiv in Lernerfahrungen umzuwandeln.“ Mit einer schonungslosen Schuldenbilanz und konsequenten Sparpolitik habe das Land schon einen wichtigen Schritt in diese Richtung gemacht. Die berechtigten Forderungen nach zusätzlichen Bundeshilfen dürften nicht die alte Subventionsmentalität der über Jahrzehnte alimentierten Stadt wiederbeleben. Berlin müsse sich „die Horrorvision einer Fremdverwaltung durch den Bund“ vor Augen halten, um das Bemühen um Unabhängigkeit zu fördern. „Eine selbstbewusste Metropole kann Berlin nur aus eigener Kraft werden und nur, wenn sich die Stadt auf ihre Stärken besinnt.“

Verzicht als Gewinn erfahren

Berlin muss sparen. „Gott sei dank“, sagt der Mentalcoach und empfiehlt, Verzicht nicht nur als Verlust zu beklagen, sondern als Chance zu begreifen, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren. „Weniger ist oft mehr.“ Gegen die schmerzlichen Erfahrungen materieller Einbußen, die jeder verspüre, gelte es, Solidarität zu erzeugen. „Politikern kommt hier eine Vorbildfunktion zu. Wenn Senatsmitglieder und Abgeordnete Verzicht vorleben, auch indem sie auf einen Teil ihres Gehalts oder Diäten verzichten, kann das Signalwirkung haben– allerdings muss dafür das Bewusstsein tief verwurzelt sein, dass Verzicht viel mit Kreativität und innerer Freiheit zu tun hat..“ Driehorst regt einen „ehrlichen Dialog“ darüber an, was Berlin sich künftig leisten kann. „Das holt die Bürger aus der Passivität und stärkt das Gemeinschaftsgefühl.“

Visionen statt Wahnideen

Konzentration auf das Wesentliche heißt für Driehorst auch, dass Berlin seine positiven Energien für „realistische Ziele einsetzt“ statt überhöhten Ansprüchen nachzujagen. „Berlin braucht Visionen, aber keine Wahnideen. Die Stadt sollte sich nicht darin verzetteln, zwanghaft in jedem Aspekt Metropole sein zu wollen nach dem Motto: Wann stehen endlich die Hochhäuser am Alex? Das lähmt und führt zu Frust.“ Der Mentalcoach sieht ganz andere Qualitäten, mit denen die Stadt sich profilieren kann. „Berlin ist gerade nicht hochgeschossen und beengt, sondern symbolisiert Weite und Freiheit, Zusammenwachsen und Zusammenhalt.“ Gerd Driehorst will die historisch bewährten Stärken der Stadt mobilisieren. Er denkt an den Selbstbehauptungswillen der „Insulaner“ während der alliierten Luftbrücke oder den Freiheitsdrang, der die Mauer am 9. November 1989 zum Einsturz brachte. „Weltoffenheit, Toleranz und Liberalität stehen für das Potenzial, zu einem zentralen Ort internationaler Verständigung zu werden.“

Der Berlin-Botschafter

In Klaus Wowereit sieht der Mentaltrainer zurzeit den richtigen Mann, Berlins Image nach innen und außen glaubwürdig zu vertreten. Mit dem Charme jugendlicher Unverbrauchtheit, einer politisch zupackenden Art, die vor Konflikten nicht zurückweicht, und nicht zuletzt mit seinem Bekenntnis zur Homosexualität stehe der Regierende Bürgermeister gleichsam für die Vielfalt unterschiedlicher Lebenskonzepte und für ein Klima der Toleranz. „In der Single-Hauptstadt Berlin sehnen sich viele nach traditionellen Familienwerten wie Solidarität und Verantwortung. Deshalb hätte es große Glaubwürdigkeit, wenn gerade Wowereit das Thema Familie aufgreift.“ Die Botschaft: Gerade die Verschiedenheit macht uns gemeinsam so stark.

Maß halten und Spaß behalten

Klaus Wowereit hält sich mit dem Feiern inzwischen zurück, nachdem er als „Regierender Partymeister“ in die Kritik geriet. Harte Arbeit und gute Laune gehören für den Hertha-Mentalcoach jedoch zusammen. Wirkliches Glück sei weder allein durch berufliche Erfolgserlebnisse, noch in der „sinnentleerten Spaßgesellschaft“ erreichbar. „Auf Anspannung muss Entspannung folgen.“ Und Anlässe zu feiern habe die Stadt schließlich trotz aller Krisensymptome immer noch genug. „Vom Wiederaufbau nach 1945 bis zum Vereinigungsprozess, der heute noch andauert, kann Berlin stolz sein auf das, was die Menschen hier geleistet haben.“

Na dann, Prosit Neujahr! Packen wir’s an!

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