Berlin : Kopftuch-Streit: Polizeischutz für Seyran Ates

Anwältin hatte sich Aufruf prominenter Deutsch-Türken angeschlossen Nach neuen Morddrohungen sieht sie ihre berufliche Zukunft gefährdet

Katja Füchsel

Drei harmlose Sätze haben ihr Leben in einen Ausnahmezustand versetzt. Wieder einmal. Jetzt wägt Seyran Ates, die Rechtsanwältin und einst unerschrockene Kämpferin für die Rechte muslimischer Frauen, am Telefon sorgfältig jeden Satz ab. Am liebsten hätte es die 43-jährige Juristin, wenn derzeit überhaupt nicht über sie berichtet würde. Seyran Ates hat Angst. „Die Bedrohung wird immer extremer.“ Seit der letzten Morddrohung steht die Frauenrechtlerin unter Polizeischutz.

Ates gehört zu einer Gruppe prominenter Deutsch-Türken, die Mitte Oktober Musliminnen in Deutschland aufgefordert hatten, freiwillig das Kopftuch abzulegen. „Das Tragen von Kopftüchern verhindert das Aufeinanderzugehen und wird als politisches Instrument missbraucht“, hieß es in dem Appell. Die Reaktion kam prompt, per Post und per E-Mail. Nachdem ein Schreiber Seyran Ates auch mit dem Tod bedroht hatte, bekam die Mutter einer zweijährigen Tochter Begleitung von Personenschützern. Immerhin, sagt Ates: „Ich werde von den Behörden in der Situation derzeit nicht allein gelassen.“

Im August hatte Seyran Ates ihre Berliner Kanzlei aus Angst vor Bedrohungen und Angriffen muslimischer Männer geschlossen. Damals hatten sich Kollegen von Ates zu einem Unterstützerkreis zusammengetan, um die Juristin zur Weiterarbeit zu bewegen. Der Plan, ihr Anfang des kommenden Jahres eine Sozietät anzubieten, wo andere Anwälte Ates in kritischen Situationen zur Seite stehen könnten, wird durch die neuen Drohungen von muslimischer Seite nun torpediert. „Es wird immer gefährlicher, man muss vor diesen Leuten wirklich Angst haben“, sagt Ates, die auch an der Islam-Konferenz der Bundesregierung teilnimmt. Deshalb sei für sie völlig offen, ob sie ihren Anwaltsberuf wieder aufnehmen könne.

Der Anti-Kopftuch-Appell hatte nicht nur für die Berliner Anwältin fatale Folgen. Auch die anderen Unterzeichner – darunter die Bundestagsabgeordneten Lale Akgün (SPD) und Ekin Deligöz (Grüne) – haben Morddrohungen erhalten. Dass es sich dabei nicht nur um leere Worte handelt, musste Seyran Ates, die als Anwältin Zwangsverheiratungen und sogenannte Ehrenmorde angeprangert hatte, am eigenen Leib erfahren. Zuletzt hatte ein muslimischer Ehemann im Juni eine Mandantin von Ates zusammengeschlagen und auch die Anwältin versucht anzugreifen. Bereits 1984 schoss ein Mann aus dem Umfeld der „Grauen Wölfe“ Ates in den Hals. Sie überlebte schwer verletzt.

Erst vor einer Woche ist Seyran Ates im Roten Rathaus von „SOS-Kinderdörfer“ als Vorbild des Jahres ausgezeichnet worden. Die Polizei hat die Juristin jetzt gebeten, ihren Menschenrechtskampf ruhen zu lassen, zumindest bis sich die Lage wieder etwas beruhigt hat. Bei der Heinrich-Böll-Stiftung hat Ates deshalb neulich schon abgewunken: „Zum Thema Kopftuch äußere ich mich derzeit nicht.“

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