Berlin : Kopfüber in die Knatter

Einst konnte man in diesem rätselhaften Flüsschen baden, heute sucht man es in Kyritz vergeblich. Dafür gibt es ein Strandbad am malerischen Untersee – und Raubritter-Geschichten an der Stadtmauer

Christoph Stollowsky

Fritz Hemmerling bekam immer an derselben Stelle Durst. Es war eine Bucht am Kyritzer Untersee. Dorthin wanderte der Klempnermeister aus Berlin fast an jedem Wochenende vom Bahnhof Kyritz aus. Wenn der Rucksack drückte und die ausgedörrte Kehle eine Erfrischung brauchte, hatte er sein liebstes Ausflugsziel erreicht. Er ließ sich nieder und dachte: „Hier müsste man eine Kneipe bauen!“ Das war um 1900. Hemmerlings Geschäfte in Berlin liefen schlecht, die Großstadt ging dem Klempner auf die Nerven – er strebte raus aufs Land, kaufte 1904 in der Nähe „seiner“ Bucht den Grund für ein Gasthaus und baute sein „Waldschlösschen“. Die touristische Erfolgsstory des jungen Stadtflüchtlings begann.

Ausflügler strömten in seinen Biergarten vor den Toren der Prignitz-Stadt, alle amüsierten sich feucht-fröhlich, bei Hemmerling konnte man sogar in den See springen. Am nahen Ufer hatte er eine der ersten Schwimmanstalten der Gegend eröffnet.

Knapp 40 Jahre lang florierte der Familienbetrieb, erst in den Nachkriegswirren ging das Schlösschen Pleite. Es wurde ein HO-Gasthof, stand nach der Wende leer, bis es die neuen Besitzer sanierten. Heute ist es wieder eine beliebte Herberge und gastronomische Adresse im Sommerfrische-Paradies am Untersee. Das Strandbad mit den großen Stegen gehört nun der Kyritzer Wohnungsgesellschaft, es bekam eine Riesenrutsche, behielt aber den Flair der Zwanzigerjahre. Hier könnte Kästners „Doppeltes Lottchen“ spielen.

Die Geschichte des ersten Waldschlösschen-Wirtes wird in Kyritz gerne erzählt. Sein Schwung macht Mut, wenn es darum geht, die Stadt für Sommergäste attraktiv zu machen. In Kyritz ist das recht mühsam, weil die Prignitz etwas abseits der Touristenstraßen liegt. Rheinsberg und Neuruppin im nahen Ruppiner Land ziehen mehr Ausflügler an. Was tun gegen diese Konkurrenz?

Die Kyritzer schwärmen von der Ruhe des eigenen Städtchens und dessen nahem Seeidyll. Tatsächlich gelten die hügeligen Ufer des schmalen Unter- und Klempowsees, der sich wie ein Fluss durch die Wälder schlängelt, als Geheimtipp für Erholungsuchende, zumal Motorboote verboten sind. Wie an einem Schmuckband kann man entlang des Sees von einem reizvollen Städtchen zum nächsten wandern – von Kyritz am Westufer nach Wusterhausen (Dosse) an der Südspitze.

Mit Sorgfalt hat man hier wie dort in den neunziger Jahren begonnen, das alte Stadtbild zu restaurieren. Beispielsweise die frühbarocken, stattlichen Fachwerkhäuser an der Kyritzer Johann-Sebastian-Bach-Straße: erbaut von wohlhabenden Bürgern in einer gut betuchten Zeit, als es in Kyritz 300 Tuchmacher gab.

Vom Reichtum im Mittelalter zeugt auch die St. Marienkirche. Das Gotteshaus wurde mehrfach aufwendig erweitert. In ihrem Inneren hebt sich das Ziegelrot der filigran gemauerten Säulen und Gewölberippen reizvoll vom hellen Putz ab. Generationen haben hier Ruhe und Schönheit gefunden und den Sandstein der Eingangsschwelle ausgetreten. Daran sollen die Schwellen noch lange Zeit erinnern. Man hat sie bei der letzten Sanierung vor einigen Jahren bewusst nicht erneuert.

Stück für Stück wird am Südostrand auch die Wehrmauer restauriert und neu aufgebaut. Kyritz braucht sie als Kulisse. Vor der Backsteinmauer lässt sich die Sage vom Raubritter Bassewitz besonders eindrucksvoll erzählen. Mord und Totschlag haben in Kyritz schon immer eine große Rolle gespielt. Sogar aus dem Zapfhahn schäumt es mörderisch: Bereits im 16. Jahrhundert wurde hier das Starkbier „Mord und Totschlag“ gebraut und als Exportschlager vertrieben. Den Namen erhielt es wegen seiner nachhaltigen Wirkung. Heute wird das Bier wieder im nahen Dessow gebraut und mit dem historischen Etikett verkauft.

Im Kyritzer Rathaus nennt man das „Imagepflege“. Man will Gäste und Investoren locken. Die werden dringend gebraucht, denn in den Straßen stehen noch etliche Häuser leer und warten auf finanzkräftige Liebhaber. Vor den Toren des Städtchens ist die Wirtschaftsförderung am weitesten gediehen. Auf dem Flugplatz bei Heinrichsfelde haben sich Flugschulen, Air-Service- und Werftfirmen niedergelassen.

Ihren Besuchern müssen sie oft den rätselhaften Namen Kyritz an der Knatter erklären. Denn auf der Karte sucht man ein solches Flüsschen vergeblich. Nur die Jäglitz plätschert durch den Ort. Wieso also „an der Knatter“? Das hängt mit einem früheren Nebenarm der Jäglitz zusammen, an dem die Holzräder der Wassermühlen knatterten. Also hieß das Flüsschen im Volksmund „Knatter“. Heute ist es zugeschüttet, aber der Name blieb – als Parodie auf die typische Hauptstadt aller Provinz. Schon 1868 erschien eine Posse mit dem Titel: „Der Übergang über die Knatter bei Kyritz.“ In den 70er Jahren sang man „Heut’ ist Karneval in Kyritz an der Knatter!“ Und sogar Nick Knatterton, Comic-Detektiv der früheren Illustrierten „Quick“, entstammt einem uralten Adelsgeschlecht bei Kyritz an der Knatter.

Die Kyritzer nehmen das mit Selbstironie. Sie haben kapituliert und selbst überall Schilder aufgestellt: „Kyritz an der Knatter“.

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