Berlin : Koptische Christen feierten erstmals in eigener Kirche in Lichtenberg

Michael Brunner

Dichte Weihrauchschwaden ziehen durch das Kirchenschiff. Bischof Anba Damian schwenkt ein silbernes Fässchen, aus dem der dicke Rauch quillt. Orgel und Harmonium schweigen zwar, doch es ist nicht still: Während Bischof Damian Gebete spricht, singt eine Gruppe von Männern uralte Lieder. Es ist Donnerstagabend, der 6. Januar, und die Koptische Gemeinde Berlin feiert das Weihnachtsfest. 30 Menschen sind gekommen.

Ort ist die St.-Antonius und St.-Shenouda-Kirche am Roedeliusplatz in Lichtenberg. Schon beim ersten Blick auf die Klinkerfassade und die Gewölbe mit Backsteinbögen im Innern wird klar, in welcher Tradition das Gotteshaus steht: Bis zum Frühjahr 1999 hieß es Glaubenskirche und gehörte der evangelischen Gemeinde Alt-Lichtenberg. Die Gemeinde besitzt eine zweite Kirche am Loeperplatz und hatte sich schon länger schwer getan mit der Unterhaltung zweier Häuser. So ging die Glaubenskirche an den Senat, der sie im Erbbaurecht an die Berliner Kopten weitergab.

Kopten haben ihren eigenen Zeitbegriff. Ihr Festgottesdienst beginnt nicht einfach, er entwickelt sich Stunde um Stunde bis Mitternacht. Immer wieder öffnet sich die Tür und nacheinander erscheinen Diakone, Subdiakone und mehrere Frauen. Ein Diakon küsst den Boden zu Füßen des Bischofs, danach die Hand des Geistlichen. Bischof Damian segnet den Mann und betet laut "für Entschlafene und Gefangene, Behinderte und Kriegsopfer". Es ist kalt in der Kirche, der Hauch der Sänger ist zu sehen. Aber die Männer am Altar spüren offenbar keine Kälte, sie haben Jacken und Schuhe ausgezogen. Bischof Damian ist aus dem deutschen Hauptquartier der Kopten in Höxter an der Weser angereist, den Berliner Gemeindepriester Girgis Al-Muharraqi hat er nach Dänemark entsandt, damit die Kopten auch dort feiern können. In Reihe fünf sitzt Marina Fluche aus Neukölln. Frau Fluche ist Ägyptologin und Altertumswissenschaftlerin und hat sich im letzten Frühjahr der Koptischen Gemeinde angeschlossen. Ihre Zuneigung hat sie bei Reisen am Nil entdeckt. "Dort strahlen die Kirchen pures Altertum aus", sagt sie. Mit der Rolle der Frau in Ägypten hat sie jedoch ihre Schwierigkeiten.

Gegen 21 Uhr, zwei Stunden nach Beginn, erscheint Verstärkung. Bischof Damian bittet soeben um höheren Beistand gegen Preiserhöhungen und Überschwemmungen, da geht die Tür auf und eine ganze Gruppe von Priestern der Syrisch-Orthodoxen Gemeinde aus der Potsdamer Straße in Tiergarten erscheint. Hinten in Reihe 20 piept ein Handy, aber niemand geht ran. Der Bischof begrüßt die Gäste herzlich, sie fügen sich nahtlos ein und singen voller Freude mit.

Die Gemeinde darf sich sicher fühlen, denn mehrere Polizeistreifen patrouillieren um die Kirche. Bezirksbürgermeister Wolfram Friedersdorff erscheint und überreicht Geschenke, eine Vase und ein Buch. Ein Diakon drückt ihm ein Gesangbuch in die Hand und der Bürgermeister vertieft sich ins koptische Alphabet.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben