Berlin : Korbspiele

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VON TAG ZU TAG

Andreas Conrad über

die Theaterkunst des Sparens

Schauspielkunst im Strandkorb? Ihren historischen Höhepunkt dürfte sie gefunden haben, als Joe alias Josephine der blonden Sugar Kane Kowalczyk ein Bein stellte. Manche mögen’s heiß, gewiss, aber doch ohne auf geeigneten Sonnenschutz verzichten zu wollen. In Deutschland, der Heimat der Sandburgen, erfüllt die praktische Korbware darüber hinaus die Funktion, die in mittelalterlichen Befestigungsanlagen der Bergfried einnahm: letzte Zuflucht, Raum des Rückzugs auf sich selbst. Eigentlich logisch, genau hier das deutsche Wesen ergründen zu wollen, aber nicht das allein erfreut den Theaterfreund an der Bitte des Berliner Ensembles, man möge ihm für die Inszenierung von Thomas Bernhards „Der deutsche Mittagstisch“ vier alte Strandkörbe zur Verfügung stellen. Ist das nicht pekuniär vorbildlich gedacht? Ein Stück genau dann auf den Spielplan zu setzen, wenn die potenziellen Lieferanten des benötigten Bühnenbildes – Offerten bitte unter Telefon 28408221 – dieses jahreszeitlich bedingt garantiert nicht mehr benötigen und man auf ihre Secondhand-Exemplare zurückgreifen kann, statt den teuren Fachhandel zu bemühen. Ein Modell, das Schule machen könnte in der Hauptstadt des Sparens, auch auf anderen Bühnen: „Die Hochzeit des Figaro“? Die Friseure der Stadt stellen sicher gern gebrauchte Trockenhauben zur Verfügung.

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