Berlin : Kostbare Zeit

In einem Notfall können Minuten Leben retten. Eltern von erkrankten Kindern tragen in diesem Moment eine schwere Last

Matthias Lehmphul

Notfall? Was tun!

Es passiert ohne Vorwarnung: Irgendwo in der Stadt ringt ein Kind pötzlich um Luft. Es hustet und röchelt. Tief in der Lunge rasselt es hörbar. Welche Mutter oder welcher Vater gerät in einer solchen Situation nicht in Angst? Ist das Leben des Kindes in Gefahr? Was tun? Dann heißt der erste Gedanke oft: Rettungswagen rufen, schnell ins Krankenhaus!

In der Regel entscheiden also erst einmal die Eltern, was ein Notfall ist oder nicht. Das ist für Mama und Papa nicht immer einfach, vor allem nicht bei dem ersten Kind.

Ein Pseudo-Krupp-Anfall beispielsweise, und nichts anderes war die geschilderte Notsituation, wirkt oft dramatisch. Dabei ist der Kehlkopf entzündet. Bei dem metallisch klingenden Husten verbunden mit einem krächzenden Schnappen nach Luft denken die meisten Eltern an das Schlimmste.

Ein Anruf bei einer Kinderrettungsstelle reicht in diesem Fall oft aus, um das wichtigste in dieser Situation zu erfahren: Bleiben Sie ganz ruhig! Denn oft ist frische kalte Abendluft genau das, was Kinder in diesem Moment brauchen, damit ihr bellender Husten abklingen kann. Besonders Eltern, die in einer solchen Situation souveräne Ruhe bewahren können, beruhigen so auch ihre aufgeschreckten Kinder. Dadurch normalisiert sich ihre Atmung innerhalb weniger Minuten.

Manchmal ist die Gabe von Medikamenten nötig. Dann helfen niedergelassene Kinderärzte oder Ärzte der nächstgelegenen Kinderrettungsstelle den Kleinen ein wenig – mit der Inhalation eines Medikamentes. Es wirkt sofort abschwellend, wodurch betroffene Kinder wieder normal atmen können. In diesen Fällen sind stationäre Aufnahmen meist nicht notwendig.

Was müssen Eltern in einem Notfall beachten?

Bei vielen akuten Erkrankungen spielt der Zeit eine entscheidende Rolle. Dennoch sollten Eltern nicht hektisch werden. Bevor Sie sich mit ihren Kindern auf den Weg machen, bitte folgendes beachten: Gelbes Vorsorgeheft und Impfbuch einpacken und sich Gedanken machen über die Vorerkrankungen des Kindes. Leiden Kinder an chronischen Erkrankungen sollten die Eltern mögliche Arztunterlagen mit in die Klinik nehmen. Diese Angaben können den Ärzten helfen, die Erkrankung zu diagnostizieren und das Kind somit schneller zu behandeln. Auch auf dem Weg zur Rettungsstelle sollten sie Ruhe bewahren, um ihr Kind nicht zu verunsichern. Ein vertrautes Spielzeug oder Kuscheltier kann die Kleinen während des Weges und der Behandlung zusätzlich beruhigen, den Aufenthalt in der Rettungsstelle mitunter erträglicher machen.

Was passiert auf einer Kinderrettungsstelle?

Notaufnahmen für Kinder unterscheiden sich von normalen Rettungsstellen in einem wesentlichen Punkt: Bei ihnen ist ein Kinderarzt rund um die Uhr in Bereitschaft und sie haben eine chirurgische Abteilung, die auf kleine Patienten spezialisiert ist.

Mama und Papa der erkrankten Kinder werden in der Rettungstelle zunächst befragt. Denn für Notbehandlungen sind neben den körperlichen Untersuchungen vor allem auch Elterngespräche zu Vorerkrankungen und Krankheitsverläufen wichtig. „Wir müssen die Sorgen der Eltern ernst nehmen“, sagt der Neuköllner Kinderarzt Rainer Rossi, Chefarzt der Kinderklinik am Vivantes-Klinikum Neukölln. Er leitet eine der größten Kinderrettungsstellen in Berlin.

Dennoch ist für die Mediziner nicht jeder Notfall, ein Notfall. Deshalb arbeiten viele Berliner Kinderettungsstellen mit dem sogenannten Manchester-Triage-System. Demnach werden alle ankommenden Patienten anhand von festgelegten Indikatoren – etwa Blutverlust, Temperatur oder Lebensgefahr – in eine Pyramide von fünf Gruppen eingestuft. Fälle mit der Einstufung „Sofort“ sind rot gekennzeichnet und werden ohne Wartezeit behandelt. „Dringend“ ist gelb gekennzeichnet. Diese Patienten müssen bereits etwa 30 Minuten warten. Dagegen müssen nicht dringende Fälle mit deutlich längeren Wartezeiten rechnen.

Aber die Erstellung dieser Pyramide ist im Rettungstellenalltag ein nicht ganz einfaches Unterfangen für Mediziner, gibt Rainer Rossi. Denn bevor es zur eigentlichen Behandlung komme, müssten alle wartenden Kinder angemeldet und ihre Krankengeschichte von einer Krankenschwester aufgenommen werden.

Was wird auf einer Rettungstelle behandelt?

„Meist haben die Kinder mit akuten Infektionen zu kämpfen“, sagt Kinderarzt Rainer Rossi. Nicht immer sind diese auf den ersten Blick dramatisch. Aber gerade bei schweren bakteriellen Infektionen wie etwa Hirnhautentzündung sei Zeit sehr kostbar – jede gewonnene Minute bedeutet Leben.

Im Sommer kommt es zusätzlich zu Ertinkungsunfällen. „Meist ertrinken Kinder dort, wo es die Eltern nicht erwarten“, sagt Birgit Bockenkamp, Leitende Oberärztin der Kinderrettungstelle des Charité Virchow-Klinikums in Wedding. Vor allem Teiche in Gärten sind eine große Gefahr für die Kleinen. Aber auch Knochbrüche treten beim Spielen unter freiem Himmel häufiger in den warmen Monaten auf als in der kalten Jahreszeit.

Können Eltern bei den Behandlungen dabei sein?

Eltern spielen in Notsituationen für die Kinder eine entscheidende Rolle. Sie geben den verunserten Kindern wichtigen Halt. Selbst während Behandlungen von schweren Notfällen in den Kinderrettungstellen können Eltern deshalb bei ihren Kindern bleiben. „Wenn die Eltern wollen, können sie selbst bei der Reanimation ihres Kindes dabei sein“, sagt Kinderärztin Birgit Bockenkamp.

Warum sind die Wartezeiten so unterschiedlich lang?

Kinder und Eltern in Neukölln, aber auch an anderen Berliner Kinderrettungsstellen müssen nicht selten Wartezeiten zwischen drei und fünf Stunden hinnehmen – vor allem an den Wochenenden.

„Rettungsstellen sind eigentlich für die Lebensrettung zuständig“, sagt Rainer Rossi vom Vivantes-Klinikum. Und die Kleinen sollen vor schweren Folgeschäden wie etwa geistigen Behinderungen aufgrund von Sauerstoffmangel geschützt werden. Das sei heute aber nicht mehr ihre Hauptaufgabe, ärgert sich der Kinderarzt. Die notwendige 24-Stunden-Notfall-Versorgung werde zunehmend durch hausärztliche Routineuntersuchungen belastet. „90 Prozent der Patienten schicken wir wieder nach Hause“, sagt der Kinderarzt. Besonders Mittwoch- und Freitagnachmittag sowie an den Wochenenden herrsche Hochbetrieb in der Notaufnahme. „Da haben die meisten niedergelassenen Kinderärzte geschlossen, die natürlich den Löwenanteil der Notfallversorgung sicherstellen.“

Einer der wichtigsten Kritikpunkte der Rettungsmediziner ist, dass Eltern oftmals nicht in der Lage sind, auf die nächste Sprechstunde ihres Kinderarztes wegen eines Hustens und Schnupfens zu warten. Auch Eltern, die keine feste Bindung zu einem niedergelassenen Kinderarzt aufgebaut hätten, suchten regelmäßig Rettungsstellen auf, um Routineuntersuchungen durchführen zu lassen. „Unverhältnismäßige Überbehandlungen“ von nicht akuten Notfällen, nennt das Rossi. Dazu gehörten eben auch Erkältungskrankheiten. Die medizinische Betreuung von Kindern, die nicht in Not sind, können aber nur vermieden werden, wenn die Eltern zu niedergelassenen Kinderärzten eine stabile Beziehung entwickeln. „Ein Kinderarzt der über einen langen Zeitraum ein Kind behandelt, kann Krankheitsverläufe am besten bewerten.“ Aber in vielen Fällen sei dies eben nicht der Fall.

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