Kosten nicht gezahlt : Domain von Berliner Kult-Blogger gesperrt

Die Netzgemeinde läuft Sturm gegen die Pfändung des Webblogs nerdcore.de. Der Berliner Blogger René Walter war wegen kritischer Äußerungen gegenüber einem Unternehmen verklagt worden, hatte die fälligen Prozesskosten jedoch nie gezahlt.

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Auf der Domain des Nerdcore-Blogs erscheint jetzt dieser Hinweis.
Auf der Domain des Nerdcore-Blogs erscheint jetzt dieser Hinweis.Screenshot: www.nerdcore.de

Für Fans von Star Wars, Computerspielen, Zombie-Filmen und skurrilen Internetspielereien kommen schwere Zeiten. Seit Dienstag ist das Weblog Nerdcore.de des Berliner Bloggers René Walter offline. Sein Blog mit täglichen Musikempfehlungen und allerlei ungewöhnlichen Webfundstücken genießt bei der Internetgemeinde seit Jahren Kultstatus. Mit rund 20 000 Besuchern am Tag steht Nerdcore auf Platz 13 der deutschen Blogcharts. 2009 schaffte es Walter mit einer ungewöhnlichen Aktion sogar für ein Interview bis in die Tagesthemen der ARD. Er hatte zu einem Flashmob bei einer öffentlichen Rede von Bundeskanzlerin Angela Merkel aufgerufen und Hunderte kamen. Nach jedem Satz von Merkel riefen sie „und alle so Yeah“ im Chor. Am Ende gab es mehr Medienberichte über den Flashmob als über den Inhalt der Rede.

Grund für das plötzliche Ende von Nerdcore ist eine nicht bezahlte Strafe für die Abmahnung eines Düsseldorfer Unternehmens, das Walter wegen kritischer Äußerungen in seinem Blog verklagt hatte. Wer die Seite jetzt anklickt, findet nur noch das Logo der Online-Agentur Euroweb und einen kurzen Text. „Schön, dass Sie vorbei schauen!“. Euroweb habe „die Domain Nerdcore rechtmäßig im Rahmen der Zwangsvollstreckung übertragen bekommen.“ Dies sei eine „neue Erfahrung für Blogger“. Doch damit nicht genug: Die Firma, die für Unternehmen Internetseiten erstellt, will die Webadresse demnächst bei Ebay versteigern. Seither tobt die Blogosphäre. In Foren, auf Facebook und bei Twitter gibt es zehntausende wütende Kommentare und Beschimpfungen wegen des harschen Vorgehens der Agentur. Euroweb ist die geballte Wut der Internetgemeinde inzwischen offenbar unangenehm. Schon öfter ist die Firma durch ihre Klagefreudigkeit gegen unliebsame Kritiker aufgefallen. Gleichzeitig klagen inzwischen dutzende Kunden gegen die Geschäftspraktiken der Agentur. Der Anwalt der Kläger spricht spricht von „arglistiger Täuschung”.

Euroweb hat angekündigt, das Geld aus der Versteigerung an das Online-Lexikon Wikipedia und an den Berliner Journalistenverein Freischreiber zu spenden. Der hat jedoch bereits angekündigt, das Geld nicht anzunehmen. Zudem ist juristisch unklar, ob Euroweb überhaupt der ganze Erlös zusteht. „Wir aber haben das Gefühl, dass hier mit ziemlich dicken Kanonen auf zierliche Spatzen geschossen wird. Und davon möchten wir nicht profitieren“, sagen die Freischreibern. Auf Wikipedia haben ebenfalls bereits mehr als 300 Mitglieder einen Aufruf unterschrieben, die fragwürdige Spende auszuschlagen. „Wikipedia sollte nicht von solchen Praktiken profitieren und zum Reinwaschen des guten Rufs missbraucht werden“, schreibt Initiator Felix Stember. „Widerliche Firma und dann das ganze charitymäßig zu versteigern ist die Krönung des Ganzen“, kommentiert ein User auf der früheren Nerdcore-Seite.

René Walter selbst äußert sich bislang lediglich per Twitter zur Pfändung seiner Domain. Kurz nachdem die Seite verschwunden war, schrieb er „Whatever! I will eat you alive“ (Mir egal, ich werde euch bei lebendigem Leib auffressen). Später schimpfte er „entweder ich kriege mein Blog zurück oder Euroweb schuldet mir jede Menge Geld“. Unterstützung bekommt Walter von Blogger-Kollegen. Einige überlegen ein „Freiheit-für-Nerdcore“-Shirt zu drucken, andere schlagen vor, die Webseite von Euroweb zu pfänden, um dort weiterzubloggen. Bis dahin ist Nerdcore auf die Domain www.crackajack.de ausgewichen. Euroweb bleibt weiter unnachgiebig. „Von den Protesten lassen wir uns nicht beeindrucken“, sagte Geschäftsführer Christoph Preuß. Man habe mit derartigen Reaktionen gerechnet. Trotzdem halte er die Pfändung weiterhin für richtig.

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